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Seyit oder das moderne Leben, von Guntram Erbe

Seyit oder das moderne Leben 

Erstmals bereiste ich an Ostern 1973 die Türkei mit öffentlichen Verkehrsmitteln. 
Die erste größere Fahrt führte mich von Istanbul nach Konya. 
Natürlich schaute ich mir dort brav, mit einem Reiseführer in der Hand, alle Sehenswürdigkeiten an. Aber ziemlich rasch ließ ich mich gerne dazu verleiten, einfach in den Gassen herumzustrolchen und den Menschen zuzusehen - wie sie einkauften, wie sie miteinander redeten, wie sie miteinander stritten, wie sie arbeiteten oder wie sie müßig in Teestuben saßen. 
Dabei kam ich eher zufällig mehrmals an einer kleinen Schusterwerkstatt vorbei. Jedesmal kam der junge Inhaber an die Türe, öffnete sie, lächelte mich gewinnend an, blickte mir auf die Schuhe und deutete mir an, dass ich doch seine Werkstatt betreten sollte. 
Nach dem dritten Anlauf nahm ich mir ein Herz und ging hinein in diesen engen, kleinen, etwas düsteren Raum. Ich musste die Schuhe ausziehen, und zu meiner Verwunderung war auch wirklich einiges daran zu reparieren. 
Mit Gesten und den wenigen mir bekannten türkischen Wörtern drückte ich meinen Dank aus. Für die Arbeit zahlen durfte ich nicht. Erst nach einem Glas Tee wurde mir erlaubt, meine Erkundungen draußen weiterzuführen. 
Am Abend, bevor ich Konya wieder verließ, besuchte ich "meinen" Schuster nochmals und brachte ihm ein kleines Geschenk mit. Es war nicht der Rede Wert, nur eine Rolle Schusterzwirn, die ich in einem kleinen Krämerladen erstanden hatte. 
Seyit - er nannte mir jetzt seinen Namen, schrieb mir dann auch seine Adresse auf - umarmte mich, befahl seinem Gesellen, mir die Hand zu küssen, zog mich neben sich auf einen Stuhl und hielt lange meine Rechte in der seinen. Wir konnten uns nicht unterhalten. Dennoch verstanden wir uns und nahmen irgendwie gerührt Abschied. 
Schon im Sommer zog es mich wieder in die Türkei, dieses Mal zu einer siebenwöchigen Reise. Wieder war Konya die erste Station nach Istanbul. 
Der Kontakt mit Seyit wurde ein inniger, und ich wurde von ihm mit nach Hause genommen, zu einer kleinen, bescheidenen Wohnung im elterlichen Haus, wo er mit Frau und kleinem Sohn beengt lebte. Die Gastfreundschaft dieser armen Familie war umwerfend. 
In der Zeit zwischen meiner ersten und der zweiten Reise, hatte ich zumindest einige türkische Redewendungen und Höflichkeitformeln gelernt und brachte sie nun zum Gaudium und zur Freude meines Freundes zielsicher an. 
Einige Jahre vergingen, bis ich Seyit, dieses Mal gemeinsam mit meiner Frau, wieder aufsuchen konnte. Ich hatte mir in Deutschland eine Spezialschere zum Zuschneiden von Schuhleder besorgt. Die wollte ich Seyit sofort überreichen, sobald ich ihn in seiner Werkstatt aufsuchen würden. 
Meine Frau war schon sehr gespannt. Ich hatte ihr Seyit als einen feinfühligen Mann beschrieben, der unbedingt modern sein wollte, der nach meinem Gefühl eher in die Welt von Tausend und einer Nacht passte als in die rauhe Wirklichkeit der sich modernisierenden Türkei. 
Welche Enttäuschung. Seyit saß nicht in seiner Werkstatt. Auf seinem Platz war der Geselle fleißig an der Arbeit. Er konnte mir einigermaßen verständlich vermitteln, dass Seyit ihm die Werkstatt verkauft habe und jetzt Taxifahrer sei. 
Tatsächlich, er war nun Taxifahrer und hatte sich ein ganz anderes Gehabe zugelegt. Endlich führte er ein modernes Leben! Er sprach im großspurigen Jargon seiner neuen Freunde mit einem Kauderwelsch aus mindestens fünf Sprachen und schien mir so naiv glücklich zu sein, dass ich erst einmal überwältigt war. Es versteht sich, dass meine Frau und ich eingeladen wurden. Es gab ein köstliches Abendessen, an dem wir mit einigen Taxifahrern teilnehmen durften. Seyit betonte mehrmals: "Et! Et!" - "Fleisch! Fleisch!". Ein deutsch sprechender Taxifahrer klärte mich auf: Normalerweise musste Seyits Familie ohne Fleisch auskommen. Seyit war total überschuldet, da er das Taxi als Eigentum erworben hatte und es noch abzahlen musste. Glücklicher Weise hatte meine Frau einen goldenen Armreif an, den wir Seyits im Hintergrund verbliebener Frau als Abschiedgeschenk überreichen konnten. 
Die Liebe dieser Menschen hatte dazu geführt, dass auch meine Frau unrettbar vom Türkeifieber ergriffen wurde. 
Schon im darauffolgenden Jahr führte unser Weg, der uns durch ganz Anatolien nach Persien brachte, über Konya. 
Seyit war am Taxistand nicht aufzufinden. Seine "Freunde" zuckten auf meine Fragen hin nur mit der Achsel. 
Wir eilten zur Schusterwerkstatt, um uns dort zu erkundigen. Da saß Seyit, blass und verhärmt auf dem Platz des Gesellen. Und den Platz des Meisters hatte der Geselle inne. Wir umarmten Seyit. Er weinte und machte uns klar, dass er uns nicht einladen könne. 
Was war geschehen? 
Seyit, der übrigens niemals einen Führerschein besessen hatte, hatte einen Unfall mit Totalschaden an seinem Auto und dem des Unfallgegners verursacht und stand nun bei einer Bank und bei allen möglichen Bekannten in der Kreide. Wie schwer war es für ihn, nun unsere Hilfe anzunehmen! Er ließ sich nichts schenken. Lediglich zu einem Abendessen mit seiner Familie in einem Konyaer Restaurant ließ er sich breitschlagen. Er litt ungeheuer darunter, dass wir seine Niederlage - als das wertete er das Geschehen - mitbekommen hatten. 
Nun war uns klar, dass wir beim nächstjährigen Besuch gezielt helfen mussten. 
Aber alle unseren ausgeklügelten Pläne, wie man diesen stolzen Mann dazu bringen könnte, Hilfe anzunehmen, gingen nicht auf, da Seyit in der Zwischenzeit nach Nordzypern ausgewandert war. Sicher musste er da ganz unten, von vorne anfangen, wurde wohl in einem ehemals griechischen Dorf angesiedelt, wo das moderne Leben sicher einer seiner Träume bleibt. 




http://www.gym-hip.org/de/pers/erbe/le_er.htm



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Aysen Doymaz
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Revised : 11.12.1999