
Gedanken zum 75. Geburtstag der Türkische Republik
von Guntram Erbe
Geburtstag
Ehrlich gesagt, ich war schon erstaunt, als ich zu der Geburtstagsfeier
eingeladen wurde.
Zwar hatte ich den 75-jährigen Jubilar schon fast ein Dutzend Male besucht,
ja, ich durfte mich durchaus seinen Freund nennen, aber dass ich ihm nun vor
allen Leuten sozusagen offiziell gratulieren sollte, machte mir doch etwas
bange.
Da saß er auf seinem Sofa, hatte ein Kissen in den Rücken gestützt, blickte
neugierig die Gasse durch die Gratulanten entlang, die für mich frei gemacht
worden war, und hob strahlend die Arme, als er mich erkannte.
Beinahe hätte er sich erhoben. Aber ich kam ihm zuvor, beugte mich hinab (mit
der großen Sorge, dass das meine 57-jährigen Bandscheiben nicht vertragen
könnten) , küsste seine rechte Hand und führte sie an meine Stirne.
Er aber zog mich aufs Sofa, wo ich zu seiner Linken sitzen musste, ja, musste;
denn nur gegen meinen deutlichen Widerstand war das geschehen. Und wie im
Triumph, die missbilligenden Blicke der umstehenden Honoratioren demonstrativ
missachtend, hielt er meine rechte Hand in seiner.
So saßen wir lange wortlos, blickten uns ab und zu an, wobei mein Freund immer
wieder eine verschmitzte Miene aufsetzte, und warteten darauf, dass sich die
Gasse durch die Gratulanten wieder schlösse, dass die Honoratioren wieder ihre
wichtigen und nichtigen Gespräche aufnähmen und uns möglichst in Ruhe ließen.
Schließlich wandten wir uns einander zu - wobei er noch immer meine Hand
hielt.
Er war ein rüstiger Alter, körperlich zwar ein wenig hinfällig, wie es das
Kissen im Rücken schon verraten hatte, aber geistig topfit. Übermut glitzte aus
seinen Augen.
„Weißt du“, flüsterte er fast, „du kommst mir gerade recht, wir wollen uns
ein
wenig unterhalten. Ich habe langsam genug von den feierlichen Reden. Sieh sie
dir doch an: da der Staatspräsident, dort die hohen Militärs. Sogar ein
islamischer Rechtsgelehrter hat gesprochen, der fehlte mir gerade noch!“
Verlegen saß ich neben ihm. Hoffentlich hörte niemand zu! Ich fürchtete
Abhörwanzen im Sofa, im Kronleuchter über unseren Köpfen oder hinter den
Manschetten des Adjudanten, der uns argwöhnisch beobachtete.
Und was begann mir mein Freund jetzt zu erzählen?
Lachend kramte er Schwänke aus seiner Kindheit hervor, gestand Jugendtorheiten
und wurde plötzlich nachdenklich und ernst.
Es ging um seinen Vater.
Autoritär sei er gewesen, habe darauf bestanden, dass seine Söhne in die Schule
gingen, habe alle seine Söhne und Töchter dem Einfluss der Geistlichen
entzogen. Auch die Töchter mussten zur Schule, mussten die schamhaft getragenen
Kopftücher ablegen, mussten Walzer tanzen, sich europäisch kleiden. Der Vater
wäre jetzt einhundertundachtzehn Jahre alt, rechnete er mir vor. War er stolz
auf seinen Vater oder hatte ich da ein verdrücktes Seufzen vernommen?
Er fixierte mich. Wartete er etwa, dass ich etwas dazu sagte?
Sekunden verstrichen. Ein Loch des Schweigens entstand. Was sollte ich schon zu
den Erinnerungen eines alten Mannes sagen?
Da fiel mir mein Vater ein.
„Mein Vater“, begann ich, „war auch autoritär. Das liegt vielleicht daran, dass
er nur dreizehn Jahre jünger war als Ihrer. Männer aus der Zeit konnten
vielleicht garnicht anders sein. Das lag wohl an ihrer Erziehung. Er wollte
gerne Ingenieur werden, Diplomingenieur für Hoch- und Tiefbau. Zunächst kam ihm
der Krieg dazwischen. 1916/17 war er Eisenbahnpionier hier in der Türkei. Mit
Malaria kam er wieder zurück nach Deutschland, studierte, gründete ein
Baugeschäft, das in der Weltwirtschaftskrise pleite machte, ging für ein paar
Jahre als Spezialist nach Russland und wurde dann von Hitler heim ins Reich
gerufen.
Und, stellen Sie sich das vor, schon wurde er Nationalsozialist, ohne Hitler
überhaupt richtig zu kennen! Meinte er etwa, die Nazis seien so etwas wie die
russischen Sozialisten? Jedenfalls baute er an der Autobahn mit, wurde nochmals
Soldat und erlebte das Ende des 2. Weltkrieges enttäuscht und desillusioniert,
krank und ohne Arbeit.“
Mein Gastgeber fiel mir ins Wort: “Und das im reichen Deutschland?“
„Damals“, entgegnete ich, „war Deutschland am Boden. Das dauerte schon noch,
bis es bei uns wieder so viel Arbeit gab, dass wir sogar Türken zu uns holten,
die wir als Gastarbeiter bezeichneten.“
„Du hast ein recht kritisches Bild von deinem Vater.“
„Das sollte bei jedem Sohn so sein, - oder ...“. Ich blickte ihn zweifelnd an:
einmal, weil ich ja nun nicht wusste, wie er’s mit seinem Vater hielt, und dann
auch, weil ich überhaupt Bedenken hatte, mit ihm über so ein Thema
weiterzureden. „....oder sehen Sie Ihren Vater wirklich so unkritisch, wie es
auf die ganze Welt zu wirken scheint?“
Abrupt ließ er meine Hand fahren, wendete sich dem Adjudanten zu. Ich spürte
mich schon auf dem Sprung, überlegte, wie und wohin ich mich mit Anstand
zurückziehen könnte.
„Bringen Sie zwei Gläser Raki!“, befahl er. Ich wagte nicht, etwas einzuwenden,
und sah mich um. Alle hatten ein Glas in der Hand. Es war wohl besser, nichts
davon verlauten zu lassen, dass ich keinerlei Alkohol zu mir nahm. Aber da
wurde ein Tischchen herangerückt, auf das ich schließlich nach einem
angedeuteten Prost das Glas mit genügend Abstand zu meiner Nase abstellen
konnte.
Er nahm einen tiefen Schluck, drehte das Glas in seinen Händen, beobachtete,
wie sich die Lichter des Kronleuchters im puren Raki brachen, und begann:
“Nun ja, weißt du, wie soll ich es sagen? Ich liebe meinen Vater, ich liebe ihn
wirklich und ich liebe ihn, weil man ihn liebt. Alle lieben ihn. Jetzt lieben
ihn sogar schon die Islamisten!“
Er klatsche mir mit der freien Linken auf den rechten Oberschenkel. „Da muss
doch was an dem Mann sein, oder - ?“
Ich war froh, dass er nicht aufgebraust war, dass er sogar wieder seine
verschmitzte Miene zeigte und mich
erwartungsvoll anlächelte. Amüsierte ihn sein Vater - was ich mir nicht denken
konnte - , amüsierten ihn die Islamisten oder war er einfach zufrieden, meiner
Frage so gekonnt ausgewichen zu sein?
„Aber nun im Ernst“, fuhr er fort, „ich musste alt werden, bis ich den Mut
fand, meinen Vater sozusagen historisch zu betrachten, seine unleugbaren
Verdienste wirklich zu würdigen und seine Schwächen zu durchschauen; denn wie
gesagt, alle, mit denen ich zu tun hatte, lobten ihn nur. Vielleicht habe ich
auch deshalb in früheren Zeiten und immer wieder so viele Fehler gemacht.“
Nachdenklich drehte er weiter an seinem Glas. Ich wagte es nicht, ihn nach den
Fehlern zu fragen. Meinte er sein Verhältnis zur Demokratie, meinte er sein
Verhältnis zu den Griechen, zu den Kurden? Erinnerte er sich dabei vielleicht
sogar an das Verhältnis seines Großvaters zu den Armeniern?
Ich hütete mich, zu fragen; denn dann hätte ich ja auch über das Verhältnis
meines Vaters zu den Juden und den Zigeunern, zu den Polen und Russen sprechen
müssen, über das Verhältnis meines Großvaters zu den Khoikhoin im ehemaligen
Südwestafrika und schließlich über meines zu den türkischen Gastarbeitern in
Deutschland.
Es war ein beredtes Schweigen, das uns eine geraume Weile verband.
Ich mochte den alten Mann wirklich, irgendwie schien er etwas auszustrahlen,
was ich heimlich suchte.
„Aber, papperlapapp!“ durchbrach er das Schweigen und meine sentimentalen
Gedanken, „schließlich habe ich ja Söhne und Töchter, die dafür sorgen können,
dass sich die alten Fehler nicht wiederholen. Sie sollen ihre eigenen Fehler
machen!“
Wie Recht er hatte! Wenn ich da an meine Fehler dachte!
Irgendwie war es jetzt nicht mehr möglich, ein ernsthaftes Gespräch
weiterzuführen. Die Aufmerksamkeit meines Gastgebers schien dahin. Stimmen von
vorne und hinten, von allen Seiten durchkreuzten sich, füllten den Raum, ich
konnte mich nicht mehr so recht konzentrieren. Hatte ich doch aus Versehen vom
Raki getrunken? Tatsächlich hielt ich das Glas in der Rechten. Unbemerkt erhob
ich mich vom Sofa, zwängte mich durch die Leute, hielt dieses lächerliche
Rakiglas hoch über den Kopf, um nirgends damit anzustoßen.
Als ich mich kurz umwenden konnte, blickte ich zurück. Mein Gastgeber stand nun
hinter dem Sofa. Von mir aus sah es so aus, als stieße seine Rechte mit dem
Rakiglas fast an den Kronleuchter. Ein kurzes Augenzwinkern in meine Richtung,
und er wurde von den Honoratioren in die Mitte genommen. Ich hörte, wie sie ihn
hochleben ließen. Die erhobenen Gläser funkelten im Licht des kristallenen
Leuchters. Erst jetzt vernahm ich die Marschmusik und das Krachen der Böller.
Das war mir nun doch zu laut.
Draußen an der frischen Luft atmete ich kräftig durch.
Ich wünschte dem geliebten alten Herrn in Gedanken recht viel Glück und
verdrückte mich um die Ecke.
Ein Mutterland für Männer
Beinahe hätte ich ihn übersehen. Jetzt, ein paar Tage nach seinem 75.
Geburtstag, saß er unbeachtet vor einem Glas Tee. Einige Plastiktüten auf dem
Stuhl neben seinem verrieten mir, dass er eingekauft hatte. Ruhte er sich aus,
war er etwa in der Moschee gewesen - das Mittagsgebet war gerade vorüber - ,
wartete er auf jemanden, vielleicht auf einen Freund oder einen Bekannten,
hatte ihn jemand hierher bestellt?
Er schien gelassen. Seine Augen wanderten ohne Ziel, aber dennoch aufmerksam in
der Runde umher. Ob ich ihm entgangen war? Ich muss gestehen, dass ich nun den
Absichtslosen spielte und dem Zufall eine dicke Chance gab: mehrmals kreuzte
mein Weg zwischen den Tischen und Stühlen des Teegartens hindurch seinen Blick.
Schließlich setzte ich mich schräg zu ihm hin, ihm die Gelegenheit gebend, mich
endlich zu sehen, ohne in meine Augen schauen zu müssen. So konnte er selbst
entscheiden, ob er mit mir sprechen wollte oder nicht.
Und der Zufall wollte es, dass er mich entdeckte, dass er mich verhalten zu
sich rief und mich bat, neben ihm Platz zu nehmen. Geflissentlich räumte er
seine Plastiktüten unter den Tisch.
Er bestellte für mich eine großes Glas Tee, und nun saßen wir beide mit
untergeschlagenen Beinen, ein bisschen vornüber gebeugt, mit einem Ellbogen auf
dem Tisch und dem anderen auf einem Nebenstuhl da und beobachteten die
Vorbeikommenden. Manche hasteten vorüber, manche schlenderten ziellos dahin,
von links kamen sie, von rechts, einige von hinten aus der Moschee.
Da fasste mein Freund meinen rechten Unterarm und lenkte meinen Blick mit einer
Kopfbewegung auf eine Frau, die wohl aus dem Bücherbasar gekommen war. Sie war
in einen langen, weiten, grauen Mantel gekleidet und hatte ein fast weißes
Kopftuch auf. Der Griff einer Plastiktüte war ihr gerissen, die Tüte platzte
und Bücher purzelten heraus. Und als sich die Frau bückte, um sie aufzuheben,
öffnete sich der weite Mantel einen Spalt und gab den Blick frei auf eine
modern gekleidete, schlanke Person, die ich hinter dieser Maskerade nicht
vermutet hätte.
Der Alte pfiff leise durch die Zähne, deutete mit einer Handbewegung etwas an,
was sich mir keineswegs gleich erschloss, und schwieg. Eine Zeit lang schwieg
auch ich, fragte aber schließlich doch:
„ Gefällt sie Ihnen?“
„Wer?“, knurrte er.
„Na, diese Frau.“
„Welche?“
„Sie haben recht, wenn Sie so fragen. Ich meine....“
Zögernd nahm ich einen Schluck Tee.
„....ich meine den Kern und nicht die Schale.“
„Ich merke“, sagte er mit hochgezogenen Augenbrauen, sich aufrichtend, „auch du
hast etwas gegen diese Art Schale.“
„Nein, keineswegs, aber wer konnte denn bei der Schale mit so einem Kern
rechnen!“
Er lehnte sich zurück.
Voller Erwartung sah ich seinen Ausführungen entgegen - aber es kam nichts!
Die Frau mühte sich währenddessen, ihre Bücher irgendwie zu bündeln und in eine
große, noch leere Plastiktüte zu stopfen. Der Mantel klaffte immer noch auf.
Hatte ich es richtig beobachtet? Hatte da wirklich ein bärtiger Mann mit
Wollmütze unter den Mantel gegriffen und seine Hände wandern lassen?
Mein Freund war aufgesprungen, die Frau ließ ihre Bücher fallen, knallte dem
Grapscher eins hinter die Ohren und raffte den Mantel. Ein paar Schulmädchen in
gelben Hemden halfen ihr beim Aufsammeln der Bücher.
Mein Freund setzte sich wieder, aufgeregt nestelte er ein Bündel Geldscheine
aus der Hosentasche und winkte dem Bediener.
Meine Blicke waren dem Bärtigen gefolgt. Er stand zunächst wie versteinert,
wandte sich dann rasch um, eilte auf den Hof der Moschee zu und verschwand in
der Menge.
Der Tee war inzwischen bezahlt, aber wir blieben noch sitzen. Ob wir beide über
das gerade Erlebte nachdachten?
„Was sollte ich“, nahm mein Freund das Wort, „gegen das Kopftuch haben, wenn es
nur ein Kleidungsstück wäre wie eine Bluse, ein Hemd oder eine Hose? Doch
dieses Kopftuch war auf dem Weg in die Universität. Dort sollte es provozieren;
denn diese Frau ist eine Studentin auf dem Weg zu einer Vorlesung oder zu einem
Seminar. Aber“, triumphierend blickte er mich an, „sie wäre nicht
hineingekommen, man hätte ihr den Zutritt verwehrt.“
„Nein“, beschied ich ihn, „diese junge Studentin war auf dem Weg nach Hause.
Sie kam vom Bücherbasar, wo sie sich neue Fachbücher gekauft hatte. Mantel und
Kopftuch hatte sie kurz vorher angezogen, dort hinten auf der Toilette der
Moschee. Sie hatte ihre „Schale“ in der dann leeren Plastiktüte verwahrt,
während sie in der Universität war. Und jetzt eilte sie um die Moschee herum
zur Straßenbahn, um ins Fatih - Viertel zu fahren, wo sie bei ihren Eltern
wohnt. Dort laufen die meisten Frauen ähnlich gekleidet herum. Fatih soll ja
eine Hochburg der Islamisten sein!“
Wir gerieten in einen heftigen Disput über unsere gegensätzlichen Thesen,
konnten uns überhaupt nicht einigen und verloren dabei die Frau aus den Augen.
Plötzlich deutete mein Freund nach vorne. Dort am Fuße einer Mauer lagen noch
zwei der Bücher. Keiner sollte uns zuvorkommen! Ich war als erster da und hob
die beiden Bücher auf.
„K-a-r-a k-i-t-a-p“, buchstabierte ich, „was heißt das?“ fragte ich und
reichte ihm das dickere der Bücher.
„Kara kitap, das heißt ‘Das schwarze Buch’. Geschrieben hat das Pamuk, Orhan
Pamuk“, entgegnete mein Freund. Er schnaubte etwas. War das nun Achtung oder
Verachtung?
„Wie kommt sie dazu, so etwas zu lesen,“ mäkelte er, „ein Buch über einen Mann,
der seiner Frau nachjammert, weil sie ihn verlassen hat.“ Seine Stimme hob
sich. „Ein Buch von einem, der in seinen Romanen Glossen über sein Mutterland
versteckt, die er sich in den Zeitungen nicht zu veröffentlichen getraut!“ Er
zog die Mundwinkel herab. „Ein schwaches Buch über einen Schwächling, der nicht
weiß, wer er ist!“
Der Ton seines hastigen Ausbruchs verriet eine große Erregung. Ich kannte das
Buch nicht, war aber überzeugt, dass er es ungerecht beurteilte; denn sonst
hätte er ja ruhig und besonnen und nicht so überstürzt und heftig argumentieren
können. Das Buch musste auf ihn einen großen Eindruck gemacht haben, dass er es
so rigoros ablehnte.
„Und so etwas liest sie! Da legt sie sich aufs Sofa und liest und liest wie
diese Frau in dem Roman und vergisst, dass sie studieren soll.“ Mein Freund
zeigte auf das zweite Buch, das ich noch in der Hand hielt, ein Rechenbuch für
die erste Klasse.
„Sie vergisst womöglich sogar, dass sie ihrem Kind bei den Hausaufgaben helfen
soll, dass sie noch zu kochen und zu bügeln hat. Wenn das alle Frauen so
machten!“
Ich war platt. So hatte ich meinen Freund noch nicht erlebt. Erst kürzlich
hatte er mir stolz erklärt, sein Vater habe dafür gesorgt, dass die türkischen
Mädchen auch zur Schule gehen, dass sie studieren, Berufe ergreifen wie im
bewunderten Amerika oder in Frankreich oder in Deutschland.
Zögernd stellte ich meine Fragen: „Kann eine Studentin aus diesem „Schwarzen
Buch“ vielleicht mehr lernen als aus so manchem Fachbuch? Hat sie vielleicht
mit ihrer Mutter ein Abkommen über die Erziehung ihrer Kinder und über die
Hausarbeiten getroffen? Hilft vielleicht ihr Ehemann dem Kind bei den
Hausaufgaben?“
Er schaute mich etwas grimmig an, winkte ab und meinte nur: „Aber schließlich
ist sie die Mutter. Und der kleine Junge braucht ihre Zuwendung.“
„Nun, von einem kleinen Jungen war bisher nicht die Rede.“ versuchte ich mich,
„ Soll das heißen, dass sich Mütter eher für ihre Söhne als für ihre Töchter
aufopfern sollen?“
Unterdessen hatte er sich auf den Weg zum großen Basar gemacht. Er schien mir
nicht mehr zuzuhören. Ich musste mich sputen, um ihm durch das Gedränge
nachzukommen. Einmal wendete er sich knapp um und rief mir zu: „Was wissen wir
denn überhaupt wirklich über diese Frau?“
Vor einem Stand mit Damenunterwäsche blieb er stehen, drehte sich mir zu und
meinte: „Wir sagen übrigens nicht Vaterland zu unserem Land wie ihr, sondern
Mutterland. Daran siehst du, dass bei uns die Frauen eine viel größere Rolle
spielen als bei euch!“ Dann steuerte er auf einen Simitverkäufer zu, erstand
zwei Sesamkringel, reichte mir einen, biss in seinen, schaute mich so lange
erwartungsvoll an, bis auch ich anfing zu essen, und hatte es so geschafft, mir
den Mund zu stopfen.
Trotzig murmelte ich mit vollem Mund. „ Ja, ja, ein Mutterland für Männer!“
Aber das hörte er nicht mehr.
Fragen ohne Antworten
Er blickte durch mich hindurch. Zurückgelehnt saß er auf einer Steinbank des
Camlicahügels, schaute nachdenklich nach Osten. Ich war um ihn herumgegangen,
wollte ihn begrüßen, hatte mich schließlich gegenübergesetzt und gewartet. Er
blickte einfach durch mich hindurch.
Unruhig rückte ich hin und her, wollte gerade losreden, da kam er mir zuvor,
sagte nur: „Warum?“, und schwieg wieder. Mit der Spitze des rechten Fußes stieß
er ein kleines Steinchen an. Unsere verlegenen Blicke folgten dem Steinchen,
bis es aufhörte zu rollen.
„Warum hast du mich verraten? - Warum hast du über unsere Gespräche berichtet,
sogar im Internet berichtet?
Warum in so ironischem Ton? - Habe ich dir etwas angetan? - Meinst du, dass du
das als Freund einfach so darfst?“
Er sah mich kurz an, senkte den Blick und versuchte dann das Steinchen wieder
mit der Schuhspitze zu erreichen.
Ich war erschrocken, hilflos, wusste nicht, was ich antworten sollte, da fuhr
er fort:
„Was wolltest du denn mit den Texten?“
Er deutete mit einer Kopfbewegung über seine Schulter nach hinten, auf das
ferne Istanbul.
„Wolltest du etwas über Istanbul aussagen?“
Er hob den Blick in die dunstige Ferne, nach Anatolien hinein.
„Wolltest du etwas über die ganze Türkei aussagen?“
Er tat so, als ob er sich bequemer setzen wollte, saß dann aber angespannter
als vorher.
„Wolltest du mir eins auswischen?“
„Wissen Sie“, begann ich, „es tut mir Leid, eigentlich wollte ich Sie nicht...“
Er fiel mir ins Wort:
„Eigentlich nicht. Was dann? Einfach so ein bisschen schreiben, so aus Lust und
Laune? Und aus Lust und Laune lesen das dann meine Feinde, und aus Lust und
Laune werden sogar etliche meiner Freunde grinsen und die Hände reiben.
Was willst du damit erreichen? Willst du mich beschämen?
Ich weiß, du bezweifelst die Formen unserer Freundschaft, hältst sie wohl sogar
für ein Missverständnis.
Aber glaubst du wirklich, dass du mit deinen Texten die deutsch-türkische
Freundschaft verbessern kannst? -
Und was sollte denn der Lebenslauf deines Vaters in dem ersten Schrieb?
Brauchtest du ihn als angebliches Zeitzeugnis, willst du mit ihm angeben, dich
anbiedern oder hast du den Lebenslauf sogar erfunden?“
Ich machte eine abwehrende Geste.
„Was weißt du denn wirklich über unsere Zustände“, fuhr er fort, „über unsere
Bedingungen, über unsere Zwänge und Möglichkeiten? Kennst du die osmanischen
Voraussetzungen so gut, dass du Atatürks Reformen beurteilen und kritisieren
kannst? Kennst du Atatürks Reformen so gut, dass du deren Auswirkungen heute
und in der Zukunft erkennen kannst? Was hast du gegen unseren Nationalismus?
Taugt er den Deutschen nur, weil er die Grundlage des Natobollwerks Türkei
bildet? Achtest du ihn etwa gering, weil du dir einen eigenen Nationalismus
nicht zugestehst? Rufen nicht auch manche Deutsche nach einem starken Staat mit
einer starken Regierung?“
Er atmete tief durch. Jetzt hätte ich gut eingreifen können. Denn über den
deutschen Nationalismus meinte ich genug nachgedacht zu haben. Aber die vielen
anderen Fragen hatten mich verwirrt. Ich fand zu keiner Antwort. Das gab ihm
Gelegenheit, weiterzureden.
„Siehst du hinter mir die Frauen mit ihren kleinen Kindern? Hast du gesehen,
wie brav sie anstehen, um an dem kleinen Pavillon Ayran zu kaufen? Hältst du
das für nette Folklore oder durchschaust du den Vorgang? Oder hast du etwa
bemerkt, dass dieser Hügel hier zum Ausflugsziel der Islamisten geworden ist,
hergerichtet und angeboten von einem islamistischen Bürgermeister, der so die
Familien ködert?
Schau dir die Kleidung der Frauen nur genauer an, du bist doch auf Kopftücher
irgendwie fixiert, oder?“
Er gab mir Zeit, ein bisschen herumzuschauen. Jetzt fielen mir tatsächlich die
Kopftücher auf. Ob er vielleicht selbst auf Kopftücher fixiert war? Ob er all
die Fragen vielleicht eigentlich eher an sich als an mich gerichtet hatte? Saß
er hier auf dem Camlicahügel, um über all die Fragen nachzudenken? War ich nur
ein Katalysator für seine Fragewut geworden?
So einfach war es sicher nicht. Aber irgenwie fühlte ich mich mit ihm zusammen
in diese Fragen verstrickt und wußte nicht, wie der Knäuel zu entwirren sei.
War das ein klassischer Gordischer Knoten? Wo sollte das Schwert sein, ihn zu
durchschlagen?
Ich drehte mich um, glotzte in die Weiten der Landschaft hinein, sah Bolu,
Ankara und Konya, die seldschukischen Bauwerke in Sivas, erinnerte mich an die
Hitze in Diyarbakyr, an das Schwimmen im weichen Wasser des Vangölü, an die
abenteuerlichen Besuche im Hakkari auf der Suche nach einem verlorenen Mythos,
an endlose Busfahrten und einen grandiosen Flug von Erzurum nach Istanbul.
Er hatte Recht. Was hatte ich denn gesucht und gesehen, was hatte ich erfahren,
was erfasst?
Ich beschloss, eine neue Türkeireise zu planen, eine Reise in eine heutige
Türkei ohne Mythen.
„Aber wo, wo liegt diese Türkei, wo steht sie?“ murmelte ich vor mich hin, doch
wieder zögernd.
Erst als ich mich umwendete, bemerkte ich, dass mich mein Freund längst
verlassen hatte.
http://www.gym-hip.org/de/pers/erbe/le_er.htm
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Aysen Doymaz
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Revised : 27.10.1999