
von Anja's Tagebuch
Ganz
allmählich, jedesmal wenn ich in die Türkei fahre, fallen mir mehr und mehr all die
Kleinigkeiten auf, die Hasan und mich hinsichtlich der Kulturen unterscheiden und ich
weiß noch nicht, wie ich damit umgehen werde.
Es sind sehr zwiespältige Gefühle, die diese Mentalität in mir auslösen. Auf der einen
Seite finde ich das prinzipiell in Ordnung, nur ob ich es schaffe, mir diese Mentalität
zu eigen zu machen, weiß ich nicht.
Und immer sind es nur die eigentlichen Lappalien des Alltags, über die wir uns streiten
und meist im Nachhinein feststellen, daß der Streit unnötig war, weil wir auch durch die
Sprachunterschiede uns einfach mißverstanden haben.
Diesmal war es das Verhalten der Frau in der Öffentlichkeit. In einem Buch von Barbara
Yurtdas, ''Wo mein Mann zuhause ist; und ; Wo auch ich zuhause bin'', habe ich schon ein
paarmal gelesen, daß sich die türkische Frau in der Öffentlichkeit unauffällig zu
verhalten habe, sowohl im Aussehen als auch im Benehmen. Nun wurde das erste Buch schon
vor fast 20 Jahren geschrieben, als die Autorin mit Mann und Kindern in die Türkei
auswanderte. Und vieles hat sich seitdem auch geändert. Auch der türkische Mann ist
inzwischen stolz, wenn seine Frau chic und gut gekleidet, frisiert und
geschminkt auftritt und auch ein selbstbewußtest Benehmen stößt nicht unbedingt auf
Widerstand. Es kommt nur auf das Wie an.
Als ich das letzte Mal im April dort war, berichtete mir mein Freund stolz, daß die
Geschäftsleute aus der Nachbarschaft des Restaurants sich so positiv über mich
geäußert hätten, weil sie meine ruhige und gelassene Art so schätzten, die so ganz
anders sei als die der übrigen Deutschen. Wobei mir die eigenen Karrikaturen und
Klischees der lauten, grölenden Touristen in den weltweiten Urlaubsorten einfielen.
Schließlich taucht dieses Bild in unseren eigenen satirischen Fernsehsendungen immer
wieder auf. Und wenn ich mir am Strand meine Landsleute vielfach betrachte und auch auf
die holde Weiblichkeit achte, wie provozierend sie genau nach dem gewissen Urlaubsflirt
suchen, kann ich es keinem Ausländer verdenken, wenn sich dieses Bild der Deutschen immer
mehr verfestigt.
Das einzig Merkwürdige an mir erscheint den Türken meine Lesefreudigkeit. Die manchen
Türken an sich lesen außer Ihrer Zeitung so gut wie nie! Schon gar keine Bücher zur
reinen Freizeitbeschäftigung.
Am ersten Tag meines Urlaubs habe ich es dann fast geschafft, dieses positive Bild von mir
selbst zu zerstören. Meine Freundin, die inzwischen selbst dort einen Freund hat und ich,
saßen den ganzen Tag im Restaurant meines Freundes und tratschten über dies und jenes.
Wir hatte uns auch seit ein paar Wochen nicht gesehen und uns viel zu erzählen. Ein
türkischer Mann, (von türkischen Frauen weiß ich es nur aus Büchern), kann sich
einfach nicht vorstellen, daß deutsche Frauen sich sehr angeregt über ihren Beruf,
Wirtschaft, Politik, Kino, Literatur und vieles mehr unterhalten können.
Ich habe zuerst geglaubt, nur mein Freund könne das nicht verstehen. Im Laufe des
Urlaubes wurden meine Freundin und ich aber tatsächlich von mehreren darauf angesprochen,
was sich Deutsche denn eigentlich immer so viel zu erzählen hätten, sie würden immer
und überall reden. Das wäre doch nicht normal.
Wenn man genau darauf achtet, fällt einem tatsächlich auf, daß die Türken sich zwar
auch den ganzen Tag unterhalten, aber immer abwechselnd mit verschiedenen
Gesprächspartnern und meist nicht länger als eine halbe oder maximal eine Stunde. Oft
werden zwischendurch auch Gesprächspausen eingelegt, in denen man sich gar nicht
unterhält.
Das allein war aber nicht der Stein des Anstoßes. Meine Freundin und ich hatten einfach
Spaß und das Gespräch wurde im Laufe des Tages immer lustiger. Das laute, herzliche,
(deutsche?) Lachen war dann eindeutig ''ayip''; (eine Schande). Und dann auch noch
stundenlang mit wachsender Begeisterung. Kommt hinzu, daß meine Freundin selbst für
deutsche Verhältnisse ein extrem lautes Lachen mit Hang zum Hühnergegacker hat. Mein
Freund mag sie sowieso nicht so besonders, weil sie seiner Meinung nach eindeutig ;zu;
modern ist. Was aber wahrscheinlich an Ihrer ganzen offenen Art liegt, doch dazu nachher
mehr. Ihr ganzes Auftreten, den deutschen Wirtschaftsverhältnissen entsprechend, sehr
selbstbewußt, betont geschäftsmäßig, immer gute Laune und ein strahlendes Lächeln im
Gesicht und geradeaus, gilt für die Türkei als Aufforderung zum Sex.
Das klingt überzogen, ist aber tatsächlich so. Einen fremden Türken aus reiner
Freundlichkeit und weil man vielleicht besonders gute Laune hat, anzustrahlen, gilt als
eindeutiges Signal das man als Frau mehr will als nur ein Gespräch. Das Lächeln als
freundliche Geste seitens einer Frau gegenüber einem Mann gibt es nicht. Jetzt verstehe
ich auch, warum deutsche Touristen so manche türkische Angestellte in Hotel und
Gastronomie als muffelig und teilweise unhöflich bezeichnen. Kein Wunder, die Frauen sind
betont hochnäsig und arrogant um auch ja niemandem den Eindruck zu vermitteln, sie
wollten eventuell eine Verabredung provozieren.
Ich habe den Tag genossen und keine Minute an die Konsequenzen gedacht, obwohl ich es
hätte bemerken können. Mein Freund hat uns buchstäblich den ganzen Tag geschnitten. Und
am Abend war der große Krach da. Merkwürdig
fand ich dabei, daß es gar nicht so unbedingt um mein Verhalten, sondern vielmehr um das
von meiner Freundin ging. Bis mir mein Freund ein weiteres ;Geheimnis; der türkischen
Kultur verriet. Obwohl es das eigentlich gar
nicht ist, wenn ich es mir recht überlege. Schließlich gilt hier in Deutschland auch
;'Sage mir mit wem du umgehst und ich sage dir wie du bist';.
Du wirst nach Deinen Freunden beurteilt. Und das in der Türkei noch viel viel stärker
als hier.
Ohnehin ist es in der Türkei 1000mal wichitger was ;die Leute; denken, als hier in
Deutschland. Das geht sogar soweit, daß man, einmal mit einem schlechten Ruf versehen,
kaum geschäftliche Chancen hat, weil einem jegliche
Unterstützung versagt wird. Und auf die ist man in der Türkei nun einmal angewiesen.
Ohne das gewisse Vitamin B geht dort gar nichts.
Aha, also schlechte Freunde, schlechter eigener Charakter. Wie soll ich ihm verständlich
machen, daß ich mir meine recht wenigen guten Freunde ganz gezielt nach deren positivem
Charakter aussuche. Und das mir meine Freundin mit ihrem gleichstarken Hang zur Esoterik
und Ihrer offenen ehrlichen Art schon oft eine Trösterin und Unterstützung in
depressiven Phasen war??
Wie mir mein Freund versucht hat zu erklären, gilt meine Freundin durch Ihre offenherzige
Art bei den Türken als ';typisch deutsches Freiwild' obwohl sie selbst einen
türkischen Freund hat und das auch jeder weiß. Nachdem ich ihn wiederum völlig
unverständig ansah, erklärte er mir, daß es einem türkischen Mann egal ist, ob eine
deutsche Frau einen türkischen Freund hat oder nicht.
Das ist egal. Selbst auf die Gefahr hin, von deren türkischem Freund Schläge zu
kassieren, die Frau wird angebaggert. Sie selbst kann das nur vermeiden, indem sie eben
betont unfreundlich, unhöflich und arrogant ist. Wobei das eben unter Türken gar nicht
als Unhöflichkeit oder Unfreundlichkeit ausgelegt wird, sondern als ganz normales
Verhalten und als eindeutiges Signal: Ich gehöre zu jemandem, mit mir wird nicht
geflirtet! Das wird umso verständlicher, wenn man sich genau betrachtet, daß es viele
Höflichkeitsformen und -floskeln in der Türkei nicht gibt. Nur unter Türken, die viel
mit dem Westen zu tun haben, wird man bei Bestellungen im Lokal ein Bitte oder ein Danke
hören. Auch unter Freunden gibt es nicht dieses: Könntest Du bitte, Würdest Du bitte,
es wäre schön, wenn Du ..... etc. etc.
und unter Eheleuten schon gar nicht. Das hat nichts mit mangelndem Respekt zu tun, Es ist
schon allein sprachlich nicht vorgesehen. In der Sprache existieren diese Formen so gut
wie nicht. Rein sprachlich sind die reinen Befehlsformen wie Komm! Geh! Sitz! üblich.
Auch bei der Ansprache von Fremden. Ich wiederum habe versucht meinem Freund zu erklären,
daß Freundlichkeit und absolute Höflichkeit jedem gegenüber in Deutschland ein
absolutes Muß im Geschäftsleben ist und uns das Lächeln schon so in Fleisch und Blut
übergegangen ist, daß wir es schon unbewußt tun, ohne groß darüber nachzudenken. Und
das dieses Lächeln und die Bereitschaft sich auch mit einem fremden Mann ein paar Minuten
zu unterhalten oft nur pure Höflichkeit ist, ohne jeglichen Hintergedanken. Ich habe
versucht ihm zu erklären, daß es mit Sicherheit seitens der türkischen Männer auch oft
eine Fehlinterpretation ist, wenn sie denken, eine deutsche Frau wolle flirten, obwohl sie
schlicht und einfach nur nett und höflich ist. Ich weiß nicht, ob er es tatsächlich
verstanden und begriffen hat. Vielleicht kann er das auch gar nicht, wenn man sich den
Vergleich der Frauen ansieht, die wirklich nur höflich sind und denen, die bewußt ihre
Blicke und Ihr Lächeln zur Aufforderung einsetzen. Schließlich fällt es uns Deutschen
schon manchmal schwer diesen Unterschied noch festzustellen. Und wenn man sich dann noch
zusätzlich den Prozentsatz an Frauen ansieht, die tatsächlich Sextourismus im wahrsten
Sinne des Wortes betreiben, fällt es mir schon fast schwer, den türkischen Männern
einen Vorwurf zu machen. Ich sag es ja, so etwas ruft verdammt zwiespältige Gefühle in
mir hervor.
Dann überlege ich mir immer wieder ob man überhaupt jemals im Stande sein wird, eine
andere Kultur wirklich zu verstehen. Vielleicht kann man sie akzeptieren oder damit leben,
aber verstehen?
Wenn wir uns 100%ig sicher sind, daß unser Verhalten und unsere Einstellungen richtig
sind, warum dürfen sich dann die anderen über deren Verhalten und Einstellungen nicht
auch 100%ig sicher sein? Und woher wollen wir denn wissen, welche Einstellung denn
tatsächlich richtig ist?
Wir hatten einen fürchterlichen Streit, von dem ich bis heute eigentlich noch nicht so
genau weiß, warum er so heftig wurde. Es muß zum wiederholten Male an meinem
;unzüchtigen; Verhalten gelegen haben, aber ich weiß beim
besten Willen nicht, was es war, ich kann es nur vermuten. Es kam eine weitere Deutsche zu
Besuch, die ich bereits im letzten Jahr kennengelernt hatte. Sie ist mit einem von meinem
Freundes Freunden zusammen. Allerdings haben die beiden wohl miteinander ein reines
Sexverhältnis(!!), was die Tatsache erklärt, daß sie sich in keinster Weise unterordnet
oder den türkischen Sitten auch nur andeutungsweise anpaßt. Nachdem nun schon am Montag
und Dienstag die jeweiligen Probleme mit mit meiner Freundin aufgetreten waren und auch
unser ;Weiberabend; am Mittwoch,
meiner Freundin Geburtstag, zusammen mit meiner anderen Freundin, die extra aus ihrem
Urlaubsort Incekum gekommen war, größeres Mißfallen erregt hatte, entlud sich meines
Freundes ganzer aufgestauter Ärger nach einem wie gesagt
nicht mehr so ganz nachzuvollziehbaren Vorfall mit dieser Deutschen. Sie gab sich betont
freizügig und offen, flirtete im Beisein ihres Freundes heftigst mit dem Kellner und
ließ sich auch ohne Zögern zum Tanzen auffordern. Nach 5 Bier hatte sie einen
ordentlichen Schwips und begann auch zweideutige Bemerkungen über Ahmets Verhalten nach
dem Sex zu machen. Ich bin mit ihr am Tische sitzengeblieben, damit sie nicht alleine dort
sitzen mußte. Ich denke, genau das war der Fehler.
Ich erinnere mich an einen Film mit Sean Connery '';Nippon Connection'';, in dem er einen
Polizisten spielt, der jahrelang in Japan lebte und die asiatische Kultur sehr gut kennt.
Der Film versucht andeutungsweise gewisse Verhaltensweisen der Japaner zu erklären. So
ist es zum Beispiel bei den Japanern üblich, auch räumlich von einem Menschen Abstand zu
nehmen, wenn er sich offensichtlich ein Fehlverhalten geleistet hat. Die Japaner treten
dann mehrere Schritte zurück und lassen diesen Menschen im wörtlichsten Sinne alleine
dastehen. Als Symbol dafür, daß er keine Unterstützung mehr hat
und als deutliches Signal für alle Umstehenden: wir distanzieren uns von diesem Menschen.
Genauso läuft das auch in der Türkei. Mein Freund hat es mir ein paarmal erklärt: ich
solle mal auf Gespräche unter Türken achten, wenn einer
mehrfach aufsteht und die Gesprächsrunde verläßt und sich mit etwas anderem
beschäftigt, dann mit Sicherheit deshalb, weil an dem Tisch über etwas geredet wird, das
er entweder nicht gutheißt oder es seiner Meinung nach nicht angebracht ist, darüber zu
reden. Bleibt er der Runde länger fern ist für alle offensichtlich, daß das Thema
fallengelassen wird oder jemand sich schlecht benommen hat.
Am Abend nahm sich mein Freund dann auch die Zeit, die wir beide so dringend gebraucht
hatten: wir redeten die ganze Nacht bis zum Morgengrauen und wir liebten uns als wäre es
wirklich das letzte Mal. Nachdem wir bereits um 21.00 Uhr nach Hause gefahren waren und
mein Freund gar nicht erst das Licht angemacht hatte (das allerbeste Zeichen dafür, daß
er mit mir allein sein wollte, denn wenn das Licht an ist, bedeutet das für jeden
Nachbarn und Verwandten eine Einladung zum Hereinkommen) fingen wir an lange und ausgiebig
über alles zu reden.
Manchmal ist es dann erschreckend, wenn ich in einem Gespräch feststelle, wie ähnlich
wir uns sind. Auch er ist im Prinzip (gemessen an den türkischen Verhältnissen) ein
Perfektionist. Vor allem was persönliche Beziehungen
angeht. Auch ich hatte in der Ehe mit meinem Mann immer die Meinung nur eine besonders
harmonische Ehe ohne Streit sei eine gute Ehe. Jedes Fehlverhalten des anderen wird als
persönlicher Affront angesehen. Jedes Problem als persönliches Versagen betrachtet. Ich
vermute einfach, daß er sich auch selbst unter Druck setzt. Schließlich bekommt er von
seinen Landsleuten das gleiche gesagt wie ich hier von meinen: das kann nicht gut gehen,
Deutsche sind sowieso nicht treu, sie können sich nicht benehmen und nicht anpassen und
beim kleinsten Eheproblem lassen sie sich scheiden.
Obwohl ich mir fast gedacht hatte, worum es an jenem Donnerstag gegangen war, die
Erkenntnis, daß ich mit meiner Vermutung richtig lag, traf mich dann hart, denn ich
hätte uns dieses ganze Chaos ersparen können: Gespräche
zwischen Frauen oder mit einer Frau in der Öffentlichkeit, in dem Sex eine Rolle spielt,
ist tabu, sozusagen mal wieder ';cok ayip'; (eine Schande) wie die Türken sagen. Wo
deutsche kellnerinnen und Wirtsleute das als eindeutig
zweideutigen Umsatzanreiz empfinden, ist der Türke eher bereit, sich mit einem Gast aus
diesem Grunde gar nicht mehr zu beschäftigen, geschweige denn, sich zu einem solchen Gast
dazu zu setzten. Lieber auf zusätzlichen Umsatz verzichten, als sich zwingen, mit Gästen
zusammen zu sein, die die Grenzen der Moral eindeutig üerschreiten.
Mein Freund erklärte mir im Nachhinein, wenn ich aufgestanden wäre und hätte mich
kurzfristig mal an einen anderen Tisch gesetzt, wäre öfter zur Toilette gegangen oder
hätte mir hinter der Bar etwas zu Trinken geholt, wäre die
Sache ok gewesen. Die '';Ehre''; der Familie geht vor. Über körperliche Liebe und sei es
in Witzen, wird in der Öffentlichkeit mit Frauen nicht gesprochen. jedenfall nicht, wenn
es nach der Meinung etwas konservativerer Türken geht.
Was wiederum schön ist, ist das dieser Konservatismus tatsächlich nur bis zur Haustür
geht. Unter uns beiden kann ich mit meinem Freund über alles reden und auch (schmunzel)
alles ausprobieren. Wie gesagt, vieles erinnert mich tatsächlich an die komplizierten
Verhaltenstechniken der Japaner Nicht ganz so extrem, aber ähnlich kommt mir die
Lernphase vor, die ich innerhalb dieser ersten paar Tage mitgemacht habe. Also, um es
festzuhalten: eine Frau hat sich in der Öffentlichkeit möglichst unauffällig zu
verhalten - damit fallen das besonders laute Lachen und Juchzen und im Extremfall das
Grölen schon mal weg. Wie das allerdings werden soll, wenn mich meine Eltern (Mutti mit
ihrem typischen Rückwärtslachen) und meine Freunde besuchen, weiß ich noch nicht so
genau.
Ich denke da an meinen Geburtstag, an dem fast 15 Leute mehrere Stunden über zum
größtenteils weit unter der Gürtellinie angesiedelte Witze lachten. Ich stelle mir so
eine Geburtstagsfeier in der Türkei vor: wahrscheinlich könnte
ich mir nach solch einem Abend direkt das Rückflugticket kaufen. Nein nein, ganz so
schlimm ist es auch nicht, schließlich sind die Türken auch sehr fröhlich und auch in
Runden mit Frauen wird viel gelacht. Ist nur die Frage
wie und wann und mit wem. Will ich darauf wirklich verzichten?
Auf der anderen Seite: wohin hat uns diese extreme Freizügigkeit in Deutschland denn
gebracht? Wir haben weltweit neben den USA die höchste Scheidungsrate und liebevoller Sex
verliert selbst bei Kindern schon an Bedeutung, weil es praktisch nichts mehr gibt, über
das nicht gesprochen wird. Ist das nun ein Fort- order nicht eher ein Rückschritt?
Aufklärung, Aids und Geburtenkontrolle schön und gut, aber wäre es nicht schön, wieder
ein bißchen mehr Mystifizierung und Geheimnis um das zu machen, was doch eigentlich nur
die zwei Menschen miteinander teilen sollten, die sich aufrichtig lieben? Wohin hat uns
denn die erklärte Spannung und das Kribbeln einer außerehelichen Affäre gebracht? Zu
mehr Selbstbestimmung oder mehr Reiz am Leben, oder nicht eher zu einem gewissen
Werteverlust?
Und wie verhält es sich denn mit dem oft so als zu diskriminierend dargestellten Bild der
Frau im Islam? Wenn man sich die Tatsache, daß eine Frau, durch ihr einwandfreies
Verhalten die Ehre eines Mannes steigert, einmal genau betrachtet, was bedeutet es denn ?
Ist es Unterdrückung wenn sie gehalten ist, nicht durch extrem auffallende sexy Kleidung,
eindeutige Blickwechsel und auffodernde Verhaltensweise die Aufmerksamkeit anderer Männer
auf sich zu ziehen? Ist es denn für einen deutschen Mann besonders angenehm, wenn seine
Frau in seiner Gegenwart angebaggert wird oder
offensichtlich mit anderen flirtet?
Das bedeutet ja schließlich nicht, daß sich die Frau nicht an Gesprächen beteiligen
soll. Frauen, die intelligent und gebildet sind, werden auch in der Türkei hoch
angesehen. Nicht zuletzt deshalb, weil sie dadurch auch wiederum die Ehre des Mannes
steigern. Es ist nur einfach nicht so üblich. Generell liegt das Fördern der Ausbildung
der Mädchen noch im Argen. Es wird sogar von den Frauen selbst, vorwiegend der
Landbevölkerung als nicht so wichtig angesehen. Und es ist sicherlich richtig, daß es
noch nicht zum Selbstverständnis der Frauen gehört, gebildet zu sein. Doch es wird immer
mehr. Der prozentuale Anteil der Frauen in Prestige-Berufen (Anwälte, Professoren,
Lehrer) liegt sogar höher als in Deutschland.
Auf der anderen Seite läßt sich schnell vorverurteilen. Wie viele deutsche Mädchen
werden ebenfalls sogar von den eigenen Eltern nicht unterstützt, wenn es um höhere
Schulbildung geht, immer mit der Begründung: Du heiratest doch sowieso und bekommst
Kinder.
Ich persönlich werde jedenfalls von den meisten Türken mit meiner Vorliebe für Bücher
für ein Phänomen gehalten. Aber wie sieht das Bild der deutschen Durchschnittsfamilie
denn in unserer eigenen Berichterstattung, in Filmen, Fernsehen etc. aus?? Wie oft wird
selbst da noch die Frau als Heimchen am Herd dargestellt, deren Hauptbeschäftigung das
Fernsehen ist. Und wie sind sich denn die Millionen Zuschauer der Talkshows von Vormittags
bis Nachmittags zu erklären? Sind das nur Rentner und Studenten, die nichts besseres zu
tun haben?
Merkwürdigerweise habe ich in puncto Arbeit mit meinem Freund überhaupt kein Problem.
Wir hatten kein einziges Mal Ärger, weil ich im Restaurant mitgeholfen habe, mich zu den
Gästen zusammengesetzt habe oder einfach da war. Im Gegenteil, es war ihm deutlich
anzumerken, daß er darauf sogar ein wenig stolz war und es ihm Spaß gemacht hat, mit mir
zusammen zu arbeiten.
Auch unsere Diskussionen über einen möglichen Job von mir als Außendienstmitarbeiterin
Türkei für die Firma in der ich arbeite waren sachlich und problemlos. Im Gegenteil, er
macht sich wirklich Gedanken, ob das gutgehen kann, ob ich nicht vielleicht zu viele
Schwierigkeiten als deutsche Frau im Umgang mit türkischen Geschäftsleuten haben werde,
ob ich
mich durchsetzen kann, ob ich womöglich ein Büro brauche, das ja auch bezahlt werden
muß, wie oft ich dann wohl in der Woche unterwegs sein muß und ob ich das mit dem Klima
schaffe, wenn ich im heißen Sommer im Auto unterwegs sein muß und und und. Selbst die
Vorstellung, was wohl seine ganze Familie und die Nachbarschaft sagen wird, wenn ich
regelmäßig im dunklen Kostüm oder Anzug im türkischen Dorf mit Aktenkoffer auftauche,
amüsiert ihn höchstens. Er hat auch kein Problem damit zu akzeptieren, daß ich dann
mein eigenes Geld verdiene. Noch kein einziges Wort wurde darüber überhaupt verloren.
Auch was seine Kneipe betrifft, haben wir wirklich schöne, anregende und sachliche
Gespräche gehabt, was man machen könnte, ob er einen neuen Standplatz sucht, ob er einen
Platz am Strand sucht, ob dann Stammgäste wegbleiben, weil sie ihn nicht mehr finden, wie
das mit den Hotels werden wird, wenn die ;all-inklusive; anbieten etc.etc.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum er mit 35 noch nicht verheiratet ist, was für
türkische Verhältnisse an sich schon zu alt ist um eine Familie zu gründen. Ich glaube,
er befindet sich selbst in einem Dilemma: auf der einen Seite schätzt er das
Selbstbewußtsein und die Modernität deutscher Frauen, was erklärt, daß er bisher auch
nur feste deutsche Freundinnen hatte, auf der anderen Seite hätte er gern diese deutsche
Frau mit den Verhaltensweise einer Türkin ausgestattet. Wahrscheinlich fällt ihm nach
und nach immer mehr auf, daß es diese Verbindung so gut wie nicht gibt und
damit hat er ein Problem. Ich denke, er hat für sich selbst noch nicht entschieden, was
er im Endeffekt bereit ist zu akzeptieren und tolerieren.
[ Zurück
]
Aysen Doymaz
Copyright © . All rights reserved.
Revised : 24.10.1999