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Noch ein Friseurbesuch und seine Folgen... von Luisa Umlauf

Ich kann unsere Tochter nicht mehr sehen.

 Seit Wochen weigert sie sich, zum Friseur zu gehen. Zwölf ist ein schwieriges Alter. Ich mache ohnehin alles falsch in ihren Augen. Wozu hätte ich mich also mit ihr anlegen sollen, damit sie zum Friseur geht. Wenn sie meint,  daß sie auf dem Pony herumbeißen muß, dann soll sie doch.

 Aber heute ist das anders. Heute ist die Ausstellungseröffnung der Bilder, die sie gemalt hat. Vierhundert Einladungen sind verschickt worden. So, wie sie aussieht, würde ich allerdings nirgendwohin mit ihr fahren, erkläre ich ihr energisch.

 Entsetzt schaut sie mich an. Sie merkt, daß ich es ernst meine. Die Eröffnung wird in zwei Stunden beginnen. Es ist Samstag nachmittag. Einen Friseurtermin werden wir jetzt nicht mehr bekommen. Wütend knallt unsere Tochter ihre Tür zu und versteckt sich mit schlechtem Gewissen in ihrem Zimmer. Wütend tigere ich davor auf und ab, begleitet von meinem roten Kater, der mich fragend anmiaut. Mein Mann hat sich in seinem Musikzimmer Kopfhörer aufgesetzt und ist nicht zu sprechen. Er weiß, wo das endet: Daß Ehefrau und Tochter sich bei der Ausstellungseröffnung übelgelaunt aus dem Weg gehen und die Besucher unehrlich anlächeln werden.

 Keine Panik, sagt unsere Freundin Elke, die uns mit dem Auto abholt, wir halten einfach unterwegs bei irgendeinem Friseur an.

 Fast gleichzeitig kreischen unsere Freundin auf und die Bremse: Da! Da drüben! Ein Friseur! Schnell raus aus dem Auto! – Sie wird den Wagen parken, während wir schon mal rübergehen.

 Als ich den Friseurladen drüben besser erkenne, beschleichen mich böse Ahnungen. Zu spät, unserer Freundin zu erklären, daß sich diese Gegend hier fest in türkischer Hand befindet. Und richtig: Keine Chance, an der Wache des jungen Türken in der Tür des Friseurladens vorbei hineinzugelangen. Er lächelt erst fragend, dann ungläubig, als unsere Tochter, mein Mann und ich näherkommen und ihm unsere Wünsche erklären. Drinnen tauschen rasierschaumgezierte schnurrbärtige Herren mitleidige Blicke: Die spinnen, die Deutschen! – Aber dort hinten, sagt der Türsteher mit nachsichtigem Lächeln und weist in die gemeinte Richtung, zwei Straßen weiter, da ist ein Damenfriseur!

 Wieso Damenfriseur? Unsere Tochter ist doch ein Kind. Während uns mildes Gelächter nachklingt, hadere ich auf dem Weg zum Damenfriseur in Gedanken mit dem Herrenfriseur. Der kann doch einem Kind die Haare schneiden. Noch neunzig Minuten bis zur Ausstellungseröffnung.

 Inzwischen hat unsere Freundin Elke ihren Wagen abgestellt. Gemeinsam mit ihr betreten wir den Laden des Damenfriseurs. Beißende Tabakrauchschwaden vernebeln das Fernsehbild von einer Ecke der Decke herab, das ohnehin niemand beachtet. Schade, daß sie nicht den türkischen Kanal eingestellt haben, der hätte so gute Musik. Tee wird uns freundlich angeboten. Wir lehnen ebenso freundlich ab, weil wir immer noch glauben, das hier sei rasch vorbei. Aber erst einmal müssen wir warten. Noch ahne ich nicht, daß das Warten schon zum Ritual gehört, um uns auf die hier erforderliche Demut einzustimmen.

 Schneiden bitte, sagen wir dem jungen Meister, als unsere Tochter endlich dran ist. Er nickt kurz und höflich und rollt den Sessel aufreizend langsam ans Waschbecken. Er hat also nicht die Absicht, die Haare schnell mal eben trocken zu schneiden, wie es sonst alle Friseure bisher getan haben. Ich will protestieren, wir haben keine Zeit, noch sechzig Minuten bis zur Ausstellungseröffnung. Aber irgendetwas geht hier vor sich, das mich in angenehm trägem Schweigen verweilen läßt. Ist die Gelassenheit des Meisters ansteckend? Er arbeitet wie in einer gelangweilten Trance.

 Das Waschen dauert. Und das Schneiden erst. In dieser Gegend hat der Meister garantiert noch niemals solche zarten lichtblonden Haare in Händen gehabt, das will er sicher genießen, denke ich mit Blick auf eine schöne junge Kundin mit Blondiercreme im Haar im Sessel neben unserer Tochter. Sowas hat unsere Tochter nicht nötig. Aber warum beachtet der Meister weder besonders das Haar unserer Tochter, noch meine stolzen Blicke? Auf die Idee, daß mich mein Mutterstolz vielleicht gerade aus der Kurve tragen könnte, komme ich natürlich nicht.

 Allmählich wird mir klar, wohin wir geraten sind. Das hier ist nicht einfach ein Friseur. Wir haben eine Art geweihten Ort betreten. Hier zelebrieren Magier, begleitet von den Chorälen der Fernsehwerbung, festgelegte Riten im traditionellen Tempo. Das werden sie unter keinen Umständen abkürzen, unseretwegen schon gar nicht. Wir drei Erwachsenen haben bei diesem Ritual die Aufgabe, still zu sitzen, gläubig zu schweigen und andächtig zuzuschauen.

 Nun die heilige Handlung des Fönens. Noch vierzig Minuten bis zur Ausstellungseröffnung. Aber was macht der Meister denn jetzt? Er fönt wirklich Strähne für Strähne, er toupiert, weiht mit Haarspray, beschwört mit allen zehn Fingern seine Vision einer Frisur herbei, wie sie wohl eine seiner Lieblingssängerinnen im türkischen Fernsehkanal trägt. Nur daß das Blond unserer Tochter echt ist. In frommer Faszination betrachten wir den Wandlungsvorgang, der sich vor unseren Augen und in unseren Herzen vollzieht. Von mir aus kann das jetzt ewig dauern. Verklärt betrachte ich das Bild unserer Tochter im Spiegel. Mit großen, staunenden Augen schaut sie uns aus diesem Spiegel heraus fragend an. Wir lächeln stolz und hocherfreut zurück. Der Meister aber nimmt unsere bewundernden Blicke immer noch nicht zur Kenntnis, schaut beinahe blasiert über seine Arbeit hinweg.

 Nur der Zigarettengestank, der ist so wenig weihrauchartig. Haben mir denn nicht deutsche Türkeitouristen erzählt, daß sie drüben viel konsequenter mit der Droge Nikotin verfahren als hierzulande? Also warum tun sich die hier lebenden Türken das an?

 Der Meister ist fertig. Er verlangt ein Drittel des Preises, den wir anderswo gezahlt hätten. Gib ihm ein fürstliches Trinkgeld, flüstere ich meinem Mann zu, aber er flüstert zurück: Willst Du ihn beleidigen? – Ich möchte dem Meister Worte der Dankbarkeit sagen, doch der schaut mit einem feinen abwehrenden Lächeln wieder an mir vorbei und ist schon mit der Wandlung der nächsten Kundin beschäftigt. Immer noch stumm vor Verwunderung, was mit ihr geschehen ist, betrachten wir unsere Tochter. Als pubertierendes Kind hat sie den Laden betreten. Als elegant frisierte junge Dame verläßt sie ihn. Wann war ich zuletzt so stolz auf sie?   

 Endlich an der frischen Luft dem Tabakqualm entronnen, endlich von jeglichem Zorn auf unsere Tochter geläutert, wollen wir drei Erwachsenen in die lange zurückgehaltenen Begeisterungsrufe ausbrechen. Doch aus den Augen unserer Tochter stürzen Tränen, und sie schreit: Das ist ja furchtbar! Was hat der gemacht! Das sieht furchtbar aus! Sie will wieder so aussehen wie zuvor! – Wir sind völlig fassungslos. Sie hat noch niemals so schön ausgesehen, und nun das. Nur mit Mühe können wir drei Erwachsenen sie davon abhalten, die neue Frisur mit den Händen zu zerzausen und plattzudrücken. Wir reden alle gleichzeitig auf sie ein. Im Auto betrachtet sie noch einmal ihre Frisur im Rückspiegel. Langsam glaubt sie uns, daß sie wirklich phantastisch aussieht. Ich leihe ihr meinen Lippenstift. Die Tränen versiegen. Zaghaft lächelt sie ihr Bild im Rückspiegel an.

 Na fein, endlich sind alle zufrieden. Unsere Freundin Elke stellt den Rückspiegel wieder in die richtige Position und dreht den Zündschlüssel. Doch gleichzeitig mit dem Motor heult auch unsere Tochter wieder auf, bricht erneut in Tränen aus, schreit los: So eine schöne Frisur! So eine schöne Frisur! – Nun verstehen wir gar nichts mehr. Ja und, fragen wir zurück, was ist falsch an der schönen Frisur? – Die wird sie morgen früh allein nicht mehr hinbekommen! – schreit sie und will nicht mehr aufhören zu weinen. Sie beruhigt sich langsam, als wir sie überzeugen können, daß die Frisur ein paar Tage halten wird. – Können wir jetzt fahren? – fragt unsere Freundin Elke. In zehn Minuten ist Ausstellungseröffnung.

 Vergewaltigung! – wettert einer unserer Freunde. – Vergewaltigung! Ein zwölfjähriges blondes Mädchen in den Händen eines türkischen Friseurs! Uhhh! Was für eine Vorstellung! Gräßlich! Das war eine Vergewaltigung, damit wir herzlosen Eltern das bloß mal wissen. Deswegen nämlich hat sie geweint! Das arme Kind! Und in Zukunft werden wir ja wohl türkische Friseure meiden wie der Teufel das Weihwasser!

 Was hat der für Bilder im Kopf? Sie rufen einige vergessene Erinnerungen in mir wach. An eine Freundin, die für das Haus ihrer Mutter nach deren Tod monatelang keinen Käufer fand, aber eine türkische Familie, die das Geld bar auf den Tisch legen wollte, ablehnte - man habe ja nichts gegen Türken, nur ein bißchen Verantwortung den Nachbarn gegenüber. An eine Predigt, in der wir aufgefordert wurden, für die Erdbebenopfer in der Türkei zu beten, und in dem Moment steht einer unserer Freunde auf und verläßt die Kirche.

 Jetzt reicht‘s, sage ich zu meinem Mann. Haben wir uns denn nicht schon vor Jahren vorgenommen, endlich auch ausländische Freunde zu suchen? Und ob er mal mit mir im Internet nachsehen wolle? – Ja, es reicht, sagt auch er. Wir haben wohl zu lange die Auswahl unserer Freunde dem Zufall überlassen. Wir schauen im Internet nach.

 Und so kam es, daß ich mich plötzlich auf Aysen‘s homepage mit den wunderbaren Katzenbildern wiederfand. Ich hab‘s doch gleich gewußt, daß der türkische Friseur eigentlich ein Magier war.

  Die Handlung ist frei erfunden. Alle entstehenden Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig.

Copyright 2000 Luisa Umlauf

EUmlauf@t-online.de

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Aysen Doymaz
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Revised : 12.02.2000