
Fremde Vögel, von
Luisa Umlauf
Fremde Vögel
Ein schneeloser, nicht sehr kalter Februarmorgen. Stöhnend weicht die schwere Haustür unseres düsteren alten Berliner Mietshauses unter meinem Ziehen ins Flurinnere zurück. Draußen riecht es noch nicht nach Frühling, aber plötzliche Sonnenscheinblendung weckt erstmals die Sehnsucht beim Schritt ins Freie. Hoch oben ein kaum wahrnehmbares Jubeln und Schwirren, abrupt beendet durch ein leises häßliches Klatschen. Mehrere beinahe amselgroße Vögel stürzen mir vor die Füße. Einer von ihnen dreht langsam den Kopf zur Seite, bevor auch er in der plötzlichen Stille reglos daliegt. Ein winziges Tröpfchen Blut quillt aus dem Schnabel.
Ich hebe ihn auf. Wie warm er ist. Sein Herz schlägt nicht mehr. Einen solchen Vogel habe ich noch nie gesehen. Die braunen Federn seidig weich, über dem Schnabel und am Bürzel rostrotbraun, wohl damit kein Feind weiß, wo oben und unten ist, aber den Kopf mit einem Häubchen geputzt, Kehle und Schnabel schwarz, was den feinen Schnabel wie einen weit geöffneten Rachen erscheinen läßt, die Augen wie bei einem Piraten mit einer schwarzen Binde verdeckt, Flügel- und Schwanzspitzen in fröhlichen Faschingskontrasten mit Schwarz, Weiß und sonnig leuchtendem Gelb, an den Spitzen der inneren Schwungfedern kleine, grellrote Plättchen. Wie die Wuschel an den Händen von Cheerleadern.
Wo mögen solche Vögel herkommen? Ich schaue in den großen Baum in unserem Hof hinein, gegen die Sonne, und kann vor dem leuchtend blauen Himmel nur die Umrisse von Vögeln erkennen, nicht ihre Gefiederfarben. Ein ganzer Schwarm, dreißig, vierzig mögen es wohl sein, hockt dort oben. Sein Zwitschern klingt nicht eben fröhlich. Die Vögel flattern in den Zweigen, als würde ein böser Zauber ihnen verbieten, aus dem Baum herauszufliegen.
Mein Blick gleitet vom Wipfel wenige Meter weiter zum obersten Stockwerk unseres Mietshauses hinüber. Das einzige neue Fenster mit großer Scheibe zwischen all den verschimmelten Sprossenfenstern ist angekippt. Für die Vögel spiegelt es den strahlend blauen Himmel, nicht den Baum. Bei diesen Temperaturen wird die Nachbarin es wohl bald schließen. Hoffe ich. Denn gut reden ist nicht mit ihr.
Hier kann ich die wunderschönen toten Vögel nicht liegen lassen; Fußtritten, Ratten und Hunden preisgegeben. Ich sammle sie alle vier ein. Ich zögere. Dann treffe ich einen Entschluß. Ich gehe zurück in die Wohnung, verpacke jeden einzeln in einen Gefrierbeutel, bette ihn ins Gefrierfach und suche mein Vogelbestimmungsbuch heraus. Rasch weiß ich: Es sind Seidenschwänze; bombycilla garrulus der lateinische Name.
Bei der telefonischen Auskunft des Tierpräparators über den Preis fürs Ausstopfen will ich schon auflegen. Denn ich muß dem Präparator ja erklären, daß ich gleich vier Seidenschwänze hätte, ich also seinen verlangten Lohn mit vier multiplizieren müsse. Mit einer solchen Ausgabe sei mein Mann nie einverstanden, nie. - Was hätte ich -?! - fragt der Präparator fassungslos zurück. - Vier Seidenschwänze? Vier ?! - Der Präparator kann es nicht glauben. Alle fünf Jahre einmal brächte man ihm einen Seidenschwanz zum Ausstopfen, die würden doch gar nicht hier leben, und nun käme ich gleich mit vier Seidenschwänzen an! Gut, ich solle mir das mit dem Ausstopfen überlegen, aber bitte nicht länger als zwei Wochen, dann würden die Vögel trotz Tiefkühlung zu sehr verfallen.
Mein Mann seufzt. Was sei mir da wieder eingefallen. Vier Seidenschwänze ausstopfen! Und wozu, bitte sehr? Damit man sie sich in eine Vitrine hineinstellt! Welch ein Irrsinn, dafür ein Vermögen auszugeben! Keinesfalls sei er damit einverstanden, nie und nimmer. Aber gut, einen ...
Anderentags überlege ich beim Hinaustreten aus der Haustür, welche Überzeugungsstrategie bei meinem Mann diesmal die beste wäre, als ich wieder das Schwirren und dies tödliche Klatschen höre - und wieder liegen die Vögel da, drei sind es jetzt. Wieder trage ich sie hoch, friere sie ein.
Höchste Zeit, die lufthungrige Nachbarin im obersten Stockwerk von der Notwendigkeit irgendeiner Gardine oder Dekoration vor der angekippten Scheibe zu überzeugen.
Eine zähe Nachbarin. Ein paar tote Vögel, na und? Sie schätze so sehr den völlig freien Blick in den Himmel hinein. Gerade bei diesem Sonnenschein. Ich wisse doch genau, was Sonne in diesem gruftigen Altbau bedeute. Gardinen, Dekoration - bah. Ja, ja, sie habe Flecken an der Scheibe bemerkt ... - Widerstrebend spiele ich meinen letzten Trumpf aus: Es seien ganz seltene Vögel gegen ihre Scheibe geflogen, es seien Seidenschwänze. Die würden eigentlich gar nicht hier leben. - Was, Seidenschwänze -!? fragt sie. Ja, wenn ich ihr einen abgäbe zum Ausstopfen, dann würde sie vielleicht... Ja, für ihre zehnjährige Tochter zum Spielen...Nein, nein, das sei nicht zu schade als Spielzeug... - Genau das habe ich befürchtet. Aber was soll ich tun. Ich verspreche der zähen Nachbarin einen der Vögel.
Inzwischen hat der Präparator die Vogelkundler in der Stadt in helle Aufregung versetzt. Was -?! Seidenschwänze hier -?! Unglaublich! - Aber ja, es herrsche gerade in Finnland, wo sie leben, ein außergewöhnlich kalter Winter. Da seien die Vögel eben Richtung Süden über die Ostsee geflogen, zu uns in die Stadt, wo sie es wärmer hätten - ein ganz seltenes Ereignis, ein Jahrhundertnaturereignis sozusagen. Dank meines Fundes wisse man nun, die Vögel würden sich im nahegelegenen Schloßpark aufhalten und von dort aus Abstecher in die Umgebung unternehmen. Die Vogelkundler seien schon alle ausgeschwärmt mit ihren Feldstechern und Notizblöcken. Und ob ich denn nicht mal im Naturkundlichen Museum vorbeischauen und von meinem Fund berichten wolle?
Kein Besucher dort durchschreitet die Ausstellungsräume so rasch wie ich. Aber ich will ja auch zu der hohen Tür an ihrem Ende mit dem Schild: Durchgang verboten. Der Türflügel drückt mir beim Öffnen stechenden Bücherstaubgeruch in die Nase. Meterhohe Bücherregale bilden unübersichtliche Straßen. Irgendwo dazwischen duckt sich eingeschüchtert ein mit Akten und Notizen überladener Schreibtisch. Dahinter kommt ein zarter, weißhaariger Professor im weißen Kittel hervor, mich zu begrüßen. Er führt mich durch endlose Hallen voll pelziggrau eingestaubter Vitrinen mit Tierpräparaten, die ein normaler Sterblicher niemals zu sehen bekommt. Auf manchen Schränken der Schutt aus Kriegstagen. Wir gehen an Tausenden von Schubladen mit Tierpräparaten vorbei. Der Professor öffnet eine: Genau wie jene Pirole dort würden meine Vögel nicht in ihrer Lebensgestalt präpariert werden, sondern nur die Bälge. Das sei wichtig für die vergleichende Wissenschaft. Dementsprechend liegen die Pirole, diese wunderbaren gelben Vögel, der Größe nach aufgereiht nebeneinander. Wie in einem perfekt geordneten Kleiderschrank. Die leblosen und seelenlosen Hüllen machen sofort klar: Etwa zehn verschiedene Größen und Farbverteilungen des Gelb kennen wir seit dann und dann bis heute bei Pirolen. An jedem Balg ein Schildchen mit Fundort und Datum sowie dem Namen dessen, der den Pirol gefunden hat. Ja, auch mein Name würde dort stehen, sagt der Professor, wenn ich die Seidenschwänze hergäbe, und dann hätte ich auch kein Problem mehr mit meinem Mann und würde der Wissenschaft einen riesigen Dienst erweisen. - Ich höre kaum noch zu.
Den Geruch beim Tierpräparator kenne ich. Der umhüllte das Haus, in dem seinerzeit der Leichnam der Mutter eines Freundes untersucht und zur Beerdigung hergerichtet wurde. Wie schockiert waren wir damals, als wir den Pathologen mit seinem Köfferchen in der Hand begeistert an die Arbeit schreiten sahen. Doch warum sollte er weniger Freude an seiner Arbeit haben als, sagen wir mal, ein Tierpräparator? Hier wie dort dudelt Radiomusik bei der Arbeit, wird versehentlich herabgefallene Zigarettenasche aus einer mit einem Skalpell geschnittenen Leibesöffnung gepustet.
Später, als feststand, es gab bei der Verstorbenen keine Fremdeinwirkung, es war ein Unfall, präsentierte man sie uns in ihrem Lieblingssommerkleid. Das hatten wir zuvor aus ihrem Kleiderschrank auswählen sollen. Ein pastellbunter rüschenbesetzter Hauch, federleicht. Die Tote sah aus, als bräuchten wir sie nur an die Hand zu nehmen und ihr zu sagen: Komm, steh auf - und sie würde sich lächelnd erheben und mit uns gehen.
Fröhliche Unordnung in der Werkstatt des jesusbärtigen Tierpräparators. Verendete Tiere überall, auf Tischen, über Stuhllehnen, auf dem Boden. Eichelhäher, Rehkitze, Igel. Manche sind bereits präpariert und wiederauferstanden. Dazwischen eine Lieferung Wurzelholz und Holzscheiben in allen denkbaren Größen hingeschüttet. Kartons mit Moosen und Zweigen in Regalen. Was für ein Tier dort mithilfe eines aus Stroh gefertigten Korpus zur Wiederauferstehung gelangen soll, kann ich nicht sagen. Ein Fuchs? Ein Hund? Ich steige über den abgehäuteten Kadaver einer Katze hinweg, kaum blutig, die Augen noch voll und golden. Ihr braungetigertes augenloses Fell auf dem Tisch daneben. - Tja, so machen's jetzt immer mehr Tierhalter, freut sich der Präparator, sie ließen ihr Haustier nach dessen Tod ausstopfen. - Genau wie bei den alten Ägyptern, entgegne ich. Der Präparator lächelt wissend.
Doch in einer Hinsicht waren uns die alten ägyptischen Mumifizierer weit voraus: Das Geruchsproblem lösten sie mit ihren Balsamen und Duftölen sehr viel kultivierter als der Präparator und seine Mitarbeiter mit ihren beißend stinkenden Nikotinstengeln.
Wie er für sein Handwerk ausgebildet worden sei, möchte ich vom Präparator wissen. Gar nicht, entgegnet er. Ja, früher, in der guten alten DDR, da gab es irgendwo noch eine letzte staatlich geregelte Prüfungsordnung. Doch die ist mit der DDR flöten gegangen. Einzig die Liebe zum Beruf sei es heute, die gute Präparatoren werden läßt. Die Liebe zum Beruf, das Tier beinahe wieder lebendig werden zu lassen. Dazu bedarf es natürlich genauester Studien der Tiere zu Lebzeiten.
Seidenschwänze zum Beispiel. Außerordentlich gesellige Vögel. Würden immer in großen Schwärmen auftreten. Für ihr Leben gern spielten sie und neckten sich und jagten einander zum Spaß in den Himmel hinein. Das aber mit höchstem Tempo. So waren auch die Schädelknochen aller Vögel, die ich gebracht hätte, völlig zertrümmert. Die Vögel hätten sich also keineswegs, wie von mir angenommen, nur das Genick gebrochen. Wenn die Vögel jedoch auf den Zweigen säßen, dann behaglich aufgeplustert. Daher ihr überraschend pummeliges Aussehen im Leben. Kaum vorstellbar, wenn man nur den toten schlanken Vögel in der Hand gehabt, ihn aber niemals lebend gesehen habe. Auch kaum zu glauben, daß diese zarten Vögel so einen weiten Weg zurückgelegt hätten. Über die Ostsee in einem Stück geflogen, ohne einmal rasten zu können. Es seien doch keine Möven, geschweige Störche, die für solche Langstreckenflüge weitaus besser gerüstet seien. Und diese Hochleistung hätten sie vollbracht, um hier in der warmen Stadt unbeschwert und übermütig spielend sich jagen zu können.
Genau diese Lebensfreude läßt der Präparator wieder auferstehen. Zärtlich streicht er mit der Fingerspitze über den Kopf einer meiner Seidenschwänze. Einige sitzen aufgeplustert, andere an- oder abfliegend mit ausgebreiteten Schwingen auf einem Stück Wurzelholzgeflecht zusammen. Feine Stecknadeln, die ich nach einigen Tagen entfernen solle, halten die Köpfe in den gewünschten Blickrichtungen fest, keiner vom anderen weggewandt. Beim Anblick der Vogelgruppe bemüht sich mein Mann tapfer, ein bewunderndes Lächeln zu verbergen. Wen mag er bewundern? Den Präparator? Die Vögel? Mich? - Ich sage nichts. Ich liebe ihn.
Doch mit der Wiederauferstehung ist es so eine Sache. Immer, wenn ich die Vögel auf ihrem Wunzelholzstück anschaue, egal, ob sie soeben über die Ostsee gekommen sind oder gerade auf dem Weg nach Finnland zurück, so fragen sie mich jedesmal:
Wo ist der siebte?
Was soll ich ihnen antworten? Es ist ja völlig aussichtslos, gerade diesen Vögeln erklären zu wollen, daß da jemand nicht am Wohlergehen der anderen interessiert war.
Luisa Umlauf
EUmlauf@t-online.de
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Aysen Doymaz
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Revised : 12.02.2000