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Istanbul-Adana mit dem Toros-Ekspres, von Walter Hebling
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Istanbul-Adana mit dem Toros-Ekspres!!!

Im Frühjahr 1999 hatten wir das grenzenlose Vergnügen, diese Reise zu erleben. Das Abenteuer begann eigentlich am Vortag in Istanbul. Es ging darum, ein Reisebüro zu finden, welches überhaupt Tikets verkaufte. Die Geschäftsinhaber gaben sich nämlich alle nur erdenkliche Mühe, uns davon zu überzeugen, dass die Reise mit der "alten, unbequemen Bahn" nichts sei für uns. Wir sollten doch den Bus nehmen, das sei komfortabler und schneller.. Wir erzählten ihnen, weshalb wir diese Reise unternehmen wollten: Zwei Jahre zuvor hatten wir, noch in der Schweiz wohnhaft, einen Film über diese Bahn gesehen: Geplant und gebaut unter Kaiser Wilhelm mit deutschen Ingenieuren, quer durchs Taurusgebirge führend, normale Fahrzeit 24 Stunden, keine Überraschungen wie Maschinenschaden, Militär, welches noch Güterwagen anhängt, durch Viehherden blockierte Strecke vorausgesetzt. Das damalige Filmteam war 48 Stunden unterwegs.... Endlich liess sich ein junger Agent herab, uns die gewünschten Tikets zu verkaufen. Nicht normale Klasse, sondern Pullman-Wagon, von welchem dann später noch die Rede sein wird. Der Preis: 2 800 000 TL, damals etwa 16 Mark. Abfahrt um 10 Uhr morgens. Tamam!!!

Am selben Abend begaben wir uns noch auf die asiatische Seite und übernachteten in einem recht vergammelten Hotel in Kadiköy. "Recht vergammelt" bedeutet: Wir verzichteten, uns vollständig auszuziehen, da wir, erstmals in der Türkei, Angst hatten, Läuse auf unsere grosse Reise mitzunehmen. Morgens duschten wir gegen einen Aufpreis ausführlich und begaben uns zeitig auf den Bahnhof, ein imposantes Jugendstilgebäude von beachtlichem Ausmass. Unser Zug stand schon bereit. Angesichts der ungewissen Länge der Reise deckten wir uns an Kiosken mit verschiedenen Lebensmitteln und Getränken ein. Beladen mit Reisegepäck und einem halben Dutzend verschiedener Plastiktüten machten wir uns daran, unseren Wagen zu finden und kamen wir uns wie richtige Türken vor... Auf dem Perron fragte eine ältere Dame nach der Ankunftszeit des Zuges in Adana: "Morgen um 8 Uhr!", antwortete dieser selbstbewusst. "Aaach, und ich habe meinen Verwandten gesagt, ich käme abends um 20!". Eilig machte sie sich auf die Suche nach der nächsten Telefonkabine.

Im vorderen Zugsviertel fanden wir unseren Wagen, stiegen ein, belegten unsere nummerierten Plätze und begaben uns wieder auf den Perron. Da war doch tatsächlich noch ein Speisewagen in der Komposition. Toll!!! Langsam gabs Leben auf dem Gehsteig!! Wo die Leute wohl alle Platz finden würden??? Halb so schlimm. 2/3 der Personen stellten das Abschiedskomitee dar. Neben uns begannen sich zwei etwa 60-jährige, gutgekleidete Damen einzurichten, in verschiedenen Taschen zu nesteln, schwere Tasche aufs Gepäcknetz, mittelschwere Tasche öffnen, ein Plastiksack raus, daraus vier oder fünf weitere Plastiksäcke an der Rücklehne des Vordersitzes kunstvoll befestigt, aus der nächsten Tasche weitere Plastiksäcke und darin weitere.... Schnell dämmerte uns: Wir waren noch längst keine richtigen Türken..

Dann – pünktlich um acht Uhr setzte sich der Zug mit lautem Gehupe in Bewegung. In Istanbul hielt er praktisch an jeder Station, von Ekspres also keine Spur. Natürlich merkten wir, dass diese Stopps nötig waren. In dieser Riesenstadt braucht es einfach verschiedene Einstiegbahnhöfe. Übrigens: Um ca. 0812 verspürten unsere beiden Nachbarinnen das erste Hüngerchen und nun war endgültig klar, weshalb zuvor eine derart exakte Auslegeordnung nötig war: Servietten auf die Knie, Plastikgeschirr drauf, aus einer anderen Plastikbox kleine Vorspeisen verteilt, mit Besteck die Köstlichkeit verzehrt, Geschirr draussen gereinigt, alles wieder verstaut, Tee aus Thermoskrügen und zum Schluss (aus einer weiteren Plastiktüte) Kölnischwasser zur Erfrischung. Bu kadar!

Da sassen wir also mit unseren Sandwichs , Gebäck und den Mineralflaschen (kültürsiz in Anbetracht der beiden voll ausgerüsteten Damen), betrachteten die vorbeiziehende riesige Schiffswerft, die nicht enden wollenden Häuserreihen, gewöhnten uns an den Klang unseres Wagens, eines mindestens 40-jährigen Gefährts, vor etwa 10 Jahren innenrenoviert, erstaunlich laufruhig und sehr gut gefedert. Natürlich Gespräche mit unseren Nachbarinnen, welche aus Istanbul stammten und für 14 Tage nach Adana zu Familienangehörigen unterwegs waren. Das Gespräch mag etwa 45 Minuten gedauert haben. Wir lehnten uns wieder zurück. Die Landschaft hatte sich verändert. Plötzlich viel Grün, Streusiedlungen. Offensichtlich hatten wir nun Istanbul verlassen. Unsere Nachbarinnen packte das nächste Hüngerchen.... Aus Platzgründen verzichte ich auf eine ausführliche Beschreibung.....

In Izmit erfolgte ein längerer Halt. Unser stattlicher Zug, bestehend aus etwa 14 Wagen wurde getrennt. Mit lediglich 4 Wagen ging die Reise weiter. Das war er also, unser Toros-Ekspres. Zügig erreichten wir Bilecik, Eskisehir, Afyon. Zwei Dinge erstaunten: 1. Der Zug war überpünktlich. An jeder Station erfolgte ein mindesten 15-minütiger Halt, worauf die Reise zur vorgegebenen Abfahrtszeit weiterging. Zweitens: Die schmucken Bahnstationen (von deutschen Architekten entworfen und aufs 75-Jahr-Jubiläum der Türkei hin allesamt renoviert) befanden sich immer weit ausserhalb der eigentlichen Ortschaften. Ich weiss nicht, ob früher in der Umgebung dieser Stationen mehr Leute gelebt haben. Wir hatten immer das Gefühl, wir hielten auf offener Strecke.

Die Bahnstationen würden bei uns in Europa wohl allesamt unter Denkmalschutz stehen. Alle nach demselben Muster gebaut. Hauptgebäude mit Giebeldach, Anbauten für Güterumschlag, etwas weiter entfernt ein Zusatzgleis, welches zu einem weiteren Haus (ehemals Kohlendepot) führt. Vielerorts stehen sogar noch die, über die Geleise montierten, Wasserrohre, mit welchen die Kessel neu betankt wurden. Es war ein seltsames Spannungsfeld: Europäische Bahnhofsarchitektur mitten in der Türkei. Angesichts der Streckenführung durch die Berge musste man sich auch fragen: "Wie um alles in der Welt, fanden die Planer überhaupt einen befahrbaren Weg durch diese gebirgige Gegend?" Über hunderte von Kilometern führen nämlich die Geleise durch wirkliches Gebirge, nicht irgendwelche sanfte Hügel.

Wieder änderte die Landschaft völlig. Nun befanden wir uns in den Ebenen vor Konya. Eber Gölü, Aksehir Gölü und die unendlichen Ebenen zur Linken, die hohen, teils schneebedeckten Berge des Taurusgebirges zur Rechten, wieder so ein beeindruckender Kontrast. Beim nächsten Halt in Aksehir erinnerten uns die frischen Temperaturen daran, dass besagte Ebene auf einer Höhe von rund tausend Metern liegt. Als nächste Station musste Konya kommen. Die Fahrt wollte jedoch nicht enden. Es war später Nachmittag geworden und, nachdem die Damen nebenan mindestens schon sechs mal getafelt hatten, verspürten auch wir Appetit, aber auf was Warmes.

Vor allem erkannten wir, dass auf einer solchen Reise türkische Gastfreundschaft ihre Grenzen hat. Obwohl wir den Damen mehrmals Süssigkeiten anboten, welche sie auch dankbar und mit freundlichem Lächeln annahmen, sprang für uns nichts ab.. Wir merkten, hier war sehr exakte Menüplanung betrieben worden... Auf einer solchen Reise ist jeder auf sich alleine gestellt.

Endlich, gegen 19 Uhr trafen wir in Konya ein. Von einer Stadt nicht die Spur. Wieder hatten man das Gefühl, in einem kleinen Vorot gelandet zu sein. Am Buffet bestellten wir unser Essen, genossen abschliessend einen Tee und mussten verschiedenerorts Auskunft geben, weshalb wir mit dem Zug unterwegs seien. Die Antwort: "Um die Gegend kennenzulernen," zog nicht. "Man" reise doch mit dem Bus.

Ungemach drohte. Ich hatte fest damit gerechnet, dass unser Zug 4 – 5 Stunden Verspätung haben würde. Davon versprach ich mir, die Fahrt über den Taurus im Morgengrauen, oder noch besser, im Laufe des folgenden Vormittags zu erleben. Aber weit gefehlt: Wir hatten inzwischen rund 700 km zurückgelegt, waren wieder sehr früh angekommen und auf die Minute genau setzte sich der Zug wieder in Bewegung. Alle Bitten an eine höhere Gewalt um einen verspäteten Gegenzug, einen kleinen Defekt an der Lokomotive, um eine umfassende Kontrolle durch die Askers und einen oder zwei Passagiere, welche sich nicht genügend hätten ausweisen können ( zur Not hätte auch ICH mindestens eine Stunde lang Papiere gesucht..), blieben unerhört.

Was blieb also anderes übrig, als sich in den Barwagen zu setzen und den Kummer irgendwie runterzuspülen. Zu Essen gibt’s dort übrigens nichts mehr (die beiden liebenswerten Damen lassen grüssen) und Touristen hats scheinbar zu wenige, um warme Küche anzubieten. Der Wagen selbst ist jedoch nicht ohne, zumindest darf man dort rauchen, kann sich die Füsse vertreten, hat eine richtige Bar mit Hockern.


Apropos Rauchen: Im Pullman-Wagen ist Rauchen nicht erlaubt. Gerade neben der Eingangstüre sitzend, befand sich ein gehbehinderter Mann, welcher sich eine Zigarette anzündete. Das kam bei unseren beiden Damen aber gar nicht gut an. Nachdem ein im ganzen Wagen hörbares "ds, ds, ds, ds," seine Wirkung verfehlte, wurde lautstark interveniert:" Sie da vorne, hier ist Rauchen nicht erlaubt, gehen Sie bitte in den Vorraum. Phüüüt, wie das stink, das ist ja entsetzlich, gib mir sofort etwas Cologne, mir wird schlecht, hören sie jetzt sofort auf zu rauchen oder ich lasse den Schaffner rufen" , und so weiter. Langsam kehrte wieder Ruhe ein und der ältere Mann rauchte wieder im Vorraum. Überhaupt blieben die Damen nicht vor Ungemach verschont: Anlässlich der Toilettenreinigung mittels Hochdruckschlauch ergab sich eine nächste Panne. Kaum fuhr nämlich der Zug die nächste Steigung rauf, floss zuerst ein Rinnsal, später ein kleines Bächlein von vorne nach hinten durch den Wagin – natürlich genau unter den beiden Damen durch! Wie von der Tarantel gestochen, sprang die jüngere der beiden aus dem Sessel, neigte sich nach vorne zu den dort Sitzenden, holte tief Luft: "SIE, passen Sie doch auf, irgendwas läuft aus Ihrer Tasche." "Nein, doch nicht bei uns." "Doch, doch, kontrollieren Sie bitte, das ist ja entsetzlich. Sie haben sicher vergessen, eine Flasche zu schliessen, ds,ds,ds." Schnell war klar, dass die Ursache viel weiter vorne lag. Nämlich bei der Toilette. Entweder war der Wassertank überfüllt worden, oder irgendwo befand sich eine undichte Stelle. Nun völlig entnervt begannen die Frauen Zeitungen auf den Boden zu legen, alles abzuwischen, was nass geworden sein könnte, reklamierten lautstark beim Schaffner über den Zustand der Türkischen Eisenbahn etc. und "hayret bir sey" und "dsdsdsds..."

Auch diese Notlage führte jedoch zu keiner Verspätung, weshalb wir tatsächlich mitten in der Nacht den Taurus überquerten und im Morgengrauen in Pozanti eintrafen. Noch immer dieselben Bahnhofshäuschen, allerdings mit dem feinen Unterschied, dass nun die Fensterbogen nicht mehr im romanischen, sondern im byzantinischen Stil gestaltet waren. Sonst alles wie gehabt. Etwa 1 Fahrstunde vor Adana und mit rund 1100 Bahnkilometern im Hintern verliessen wir den Toros-Ekspres, da unsere Reise ja nach Westen weitergehen sollte. Eine Reise, welche ich allen nur empfehlen kann. Mit Sicherheit habt auch Ihr anschliessend viel zu erzählen...

Walter Hebling - Türkei Club - für Freunde dieses Landes

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