
Ramazan
auf dem Meer, von Walter Hebling
Ramazan auf dem Meer
Im Dezember/Januar
98/99 durften wir Ramazan (oder Ramadan) in der Türkei erleben. Die ersten
zwei Wochen verbrachte ich gemeinsam mit unseren Fischern und denjenigen
unseres Partnerbootes weitgehend auf dem Meer.
Die beiden Kapitäne
Mehmet und Erzin stammen aus einem kleinen Dorf etwa 25 km östlich von Anamur
und sind gläubige Moslems. Klar also, dass auch auf den Booten gefastet
wurde. Aus Respekt und Neugier habe ich mich angeschlossen, obwohl mir immer
wieder bedeutet wurde: „Iss was, trink was, oder rauche doch. Diese
Fastenzeit gilt für dich nicht“. Indem ich mich jedoch ihrem Fasten
anschloss, nahmen sie mich sehr ernst, brachten mir viel Respekt entgegen, und
es entstanden sehr gut Gespräche.
Unsere Boote lagen
nachts jeweils in einer geschützten Bucht. Morgens um 4 Uhr stand die Crew
eines Bootes auf und machte ein reichhaltiges Frühstück bereit (schliesslich
erwartete uns ja ein arbeitsreicher und kräftezehrender Tag), welches dann um
0445 eingenommen wurde. Alle assen auffallend langsam. Süssigkeiten, Obst,
Gebäck rundeten das Frühstück ab. Während des Frühstücks trank man Tee,
später noch ziemlich viel Wasser. Um 0535 hallte ein Böller durch die
Gegend, das Signal für das Ende der Essenszeit.
Anschliessend
liefen die Boote aus, Netze wurden an Bord gezogen, Fische herausgelesen und
sortiert. Gegen 0930 erwartete uns der Fischhändler am Strand, nahm unseren
Fang und versorgte uns mit Lebensmitteln, welche wir bestellt hatten.
Anschliessend auslaufen zur Tagesarbeit: Fangkörbe mit über tausend Angeln
an einer etwa 3 km langen Angelschnur um einen Felsen legen und auf guten
Fisch hoffen. Diese Arbeit geschieht im offenen Meer mit teilweise
beachtlichem Wellengang. Das Stehen auf dem Boot bereitet allen Mühe. Etwa 2
Stunden später beginnt das anstrengende Heraufziehen dieser unendlich langen
Angelschnur. 20 – 30 kg Zug auf dem Silch sind normal. Diese Arbeit dauert
ca. 2 Stunden pro Korb. Üblicherweise setzten wir 2 Körbe pro Tag.
Nachmittags gegen
16 Uhr, es beginnt schon einzudunkeln, zurück an den Strand, wo uns der
Fischhändler schon ungeduldig erwartet. In Zwei Plastiktüten bringt er uns
das frische Ramazan-Brot. Er lädt die Kistchen mit unseren Fischen auf seinen
Lieferungswagen und braust davon: In 30 Minuten ist Essenszeit! Nun ist es so,
dass entweder der Taifa, das ist der zweite Mann auf dem Boot, bereits am
Kochen ist und zwar wiederum für die Crews beider Boote. Oft stösst noch Ömer
mit seinem Bruder dazu. Er besitzt ein kleines Boot und fischt nach einem
anderen Plan. So quetschen wir uns zu siebt in eine Kajüte und warten auf den
Knall. Das Essen wird angerichtet, und nun sitzt man sicher an die zwei
Stunden zusammen, isst, trinkt, diskutiert viel, raucht und lässt sichs gut
gehen. Ab und zu gehen wir auch in die Lokante der Tankstelle in Ufernähe,
setzen uns auf einen Tisch und bestellen. Das Essen wird etwa 1 Minute vor dem
Böllerknall aufgetischt. Dann der Knall : afyet olsun (guten Appetit) .
Wenn es das Wetter
zulässt, werden gegen 20 Uhr nochmals Netze ausgelegt. Anschliessend wird
sicher Tee getrunken, vielleicht etwas Kleines gegessen. Spätestens um 22 Uhr
wird geschlafen. Natürlich haben wir nichts dagegen, wenn das Wetter mal zu
schlecht zum Fischen ist. So können wir tagsüber auch mal nachschlafen und während
drei vier Stunden Netze oder Körbe flicken.
Ramazan?? Ja,
schon. Aber eigentlich ganz normale Tage, einfach ohne trinken und essen. Und
doch war da etwas: Dauernd wurde von Ramazan gesprochen. Vom Seker Bayram (das
dreitägige Fest, welches die Fastenzeit abschliesst), vom Urlaub, welchen man
machen werde. Wer wohl auf die Boote aufpassen werde. Von Auslagen, welche man
für Geschenke machen werde. Von Familienmitgliedern, welche auf Besuch kommen
würden, oder welche man besuchen werde. Je länger die Fastenzeit dauerte,
desto mehr rückte das kommende Fest ins Zentrum der Gespräche. Mir kam es
vor, an einem unendlich langen Countdown teilzuhaben. Ans Fasten hatte ich
mich gewöhnt, ausser dass ich an regenerischen Tagen fürher als normal fror,
aber dies ging allen so. Es bereitete mir keine Probleme mehr, wobei anzufügen
ist, dass dies im Sommer wohl anders aussehen würde. Da kann ich es mir
schlichtweg nicht vorstellen, in dieser Hitze zu arbeiten und auf Flüssiges
zu verzichten.
Ich verliess unser
Boot mit dem Versprechen, während des Seker Bayrams die drei Boote zu hüten.
Die Fischer waren fassungslos und wollten dieses Angebot nicht annehmen. In
ihrem Denken durften sie nicht zulassen, dass der Patron während dieses
Festes alleine auf dem Boot zurückblieb, weil sie zu ihren Familien wollten.
Es brauchte viel Überredungskunst, um ihnen klarzumachen, dass unsere Familie
nicht hier sei, wir keine Verwandten hätten und Freunde eh erst am zweiten
oder dritten Tag besuchen würden. Ich merkte, dass ich die Fischer mit einem
schlechten Gewissen zurückliess.
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Aysen Doymaz ©2000
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Revised: 30.12.2000
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