
Ramazan
in Anamur , von Walter Hebling
Ramazan in Anamur
Nach meinem zweiwöchigen
Aufenthalt bei meinen Fischern verbrachte ich die übrigen Tage der Fastenzeit
bis zum Sekerbayram in Anamur. Anamur ist eine Stadt mit rund 40 000
Einwohnern. Seit altersher bildet sie das Zentrum für die Dörfer, welche im
Umkreis von etwa 30 km liegen, eingeschlossen viele Bergdörfer des
Taurusgebirges.
In Anamur ist Ramazan allgegenwärtig. Dies beginnt morgens, wenn die sonst üblichen
Treffs in der Suppenlokanta oder im Teehaus ausfallen, weil das Lokal entweder
geschlossen ist, oder man vor leeren Tischen sitzt. Gepflogenheiten des türkischen
Alltags (sich gegenseitig Tee offerieren, Zigaretten anbieten) entfallen. Das
ganze Leben verläuft irgendwie etwas weniger lebhaft. Gleichwohl sind natürlich
die Geschäfte und Banken geöffnet.
Dienstags und samstags finden die beiden Wochenmärkte statt. Auch hier
dasselbe. Man kauft, was man unbedingt benötigt. Die überschwängliche
Gastfreundschaft tritt, mangels Gelegenheit zum Tee trinken und Rauchen, etwas
in den Hintergrund. Man hat das Gefühl, die Leute sitzen vermehrt herum.
So ab 1530 Uhr haben dann plötzlich viele Menschen unheimlich viel zu
erledigen. Telefone hier und dort:" Komm heute abend bei uns
vorbei". "Reservieren Sie mir in ihrem Geschäft noch Folgendes.....
Ich komme in einer halben Stunde vorbei." Vielerorts rattern die
Metallrolladen bereits kurz nach 16 Uhr herunter. Rein ins Auto und vorbei im
Geschäft die bestellten Dinge abholen. Darauf auf direktem Wege nach Hause.
Ebenfalls aufgefallen ist mir eine Sendung, welche man nur während des
Ramazans sieht: Zwei Männer machen sich täglich auf den Weg zu Leuten, denen
es wirklich schlecht geht. Bepackt mit Nahrungsmittelpaketen statten sie einen
Ramazan-Besuch ab, fragen die Menschen nach ihren Nöten, Sorgen und vermögen,
indem sie auch mit Verantwortlichen für diese Schwierigkeiten sprechen,
einiges zu bewegen.
Im Zentrum der Sendung steht die Solidarität mit Notleidenden. Die beiden Männer
klären ab, ob einer alten, gehbehinderten Frau mit einem Wintervorrat Kohle
gedient sein könnte, damit sie ihre Kellerbehausung beheizen könnte. Ein
Nachbar erklärt, er hätte während zwei Jahren für die Frau geschaut,
stecke nun selber in grössten Schwierigkeiten und habe nicht mal für sich
und seine Familie Brennstoff. Die Hilfe kommt nun für beide: Zwei Wintervorräte
Kohle werden beim Brennstoffhändler reserviert und bezahlt.
Ich glaube, es sind wirklich solche Themen, welche während des Ramazan immer
wieder im Vordergrund stehen. Solidarität, Hilfe gegenüber Benachteiligten,
die Verpflichtung, andern zu helfen, denen es schlechter geht. Dieses
einmonatige Thematisieren in Verbindung mit Fasten zeigt auch das ganze Jahr
über Wirkung im Alltag. Weitere religiöse Feste wie der Kurban Bayram stehen
in derselben Tradition des Teilens mit Anderen. So habe ich dies jedenfalls in
den Gebieten erlebt, die nicht direkt in Tourismuszentren liegen.
Ebenfalls in Erinnerung, als sei es gestern gewesen. Ist mir natürlich der
Davul (der Trommler) geblieben. Jeden Morgen gegen vier Uhr ist er unterwegs.
Er macht die Fastenden darauf aufmerksam, dass es Zeit wäre aufzustehen. Es
war seltsam, wie sich unsere innere Uhr auf diesen Mann umgestellt hat. Am
Ende der Fastenzeit kriegt er den Lohn für seine dreissigtägige Arbeit in
Form von Bargeld.
So wie ich Anamur als über Jahre gewachsene Einheit erlebte, so hatte Ramazan
seinen zugewiesenen Platz im Ganzen. Nichts Künstliches, Aufgesetztes, wenig
Brimborium in Form von speziellen Abendveranstaltungen. Ein jährlich
wiederkehrendes Ereignis, welches tiefe Spuren hinterlässt.
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Aysen Doymaz ©2000
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Revised: 30.12.2000
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