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Izmirli , von Walter Hebling
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Izmirli 

Ihn kennen praktisch alle rund um Anamur. Nail ist sein Name, Fischer sein Beruf. Seit 20 Jahren wirft er seine Netze in unserer Gegend aus, er kennt jede Bucht, weiss wo welcher Fisch gefangen werden kann. Dies alles ohne Technik wie Radar oder Netzwinden. Er betreibt noch harte Handarbeit auf seinem stattlichen Zehnmeterboot.

Kaum einer kennt das mittel- und langfristige Wetterverhalten und die damit zusammenhängenden Fangchancen so gut wie er. Er hört keinen Wetterbericht, fischt auch oft alleine, allerdings nie im offenen Meer, wurde schon oft als verschollen betrachtet, wobei er sich in Wirklichkeit in einer geschützten Bucht vor überraschenden Wetterumschlägen verkrochen hatte.

Speziell an Izmirli ist, dass er alles, wirklich alles, was mit Fischerei zu tun hat, selbst macht. Als gelernter Maschinist der Marine kaufte er sich vor 12 Jahren sein heutiges Boot. Er wartet den Motor selbst, stellt Ersatzteile eigenhändig her, flickt seine Netze selbst, stellt zusammen mit seiner Frau neue Netze her, renoviert sein Boot ohne fremde Hilfe „dann weiss ich, dass ichs gemacht habe, schliesslich werde ich ja darauf arbeiten“, und ist oft Zielscheibe des Spotts von jungen Fischern:

Nach zwei Jahren ununterbrochener Arbeit auf dem Meer zieht Izmirli sein Boot Ende November an Land. Es sieht übel aus, voller Algen, das Holz teilweise aufgeschwemmt.

Sofort reibt er die Algen mit Sand und Meerwasser weg, entfernt alle Gegenstände aus dem Boot und wird dann während Tagen nicht mehr gesehen. Izmirlis Renovationsplan ist auf mindestens zwei Monate angelegt, obwohl andere Fischer behaupten: „Liegt das Boot länger als zwei Wochen am Strand, trocknet das Holz aus, gibt es Spalten, wird das Boot beim Einwassern beinahe absaufen.“ Izmirli hält dagegen: „ Ich renoviere von Grund auf alles, jede Fuge wird neu behandelt, der Motor wird ausgebaut, morsche Holzteile wechsle ich aus, neue Schrauben eingesetzt. In der Zeit, in welcher ihr eure Boote einem hohen Wetterrisiko aussetzt, nehme ich es etwas ruhiger, arbeite ein bisschen am Boot und erhole mich.“

Dieses Arbeiten am Boot bedarf einer Erläuterung: Izmirlis Werkzeug besteht im Wesentlichen aus einem Zimmermanshammer. Damit schneidet er Holzlatten zurecht, spaltet einen Balken von 12 x 12 cm , klopft Rost von Metallteilen,, welche er anschliessend poliert und neu streicht, passt Planken ein und nagelt sie fest. Mit demselben Hammer schlägt er ein Ruderblatt gerade, welches er zuvor auf dem Feuer zum Glühen gebracht hat. Obwohl seine Methoden immer wieder angezweifelt werden, Zaungäste gibt’s bekanntlich viele und sein Boot steht unmittelbar neben dem Hafen an der Strasse aufgebockt, sind die Fortschritte erkennbar. Es geht einfach alles sehr langsam. Schliesslich will ja auch diskutiert werde: „Eignet sich dieses oder jenes Holz besser für diese Reparatur? Lohnt es sich, verchromte Schrauben einzusetzen?“ Stunden vergehen bei Tee und Diskussionen, die Temperaturen sinken. Tagesleistung: Zwei Holzlatten zugezimmert, eine gewässert, gebogen, indem sie zwei Stunden lang gespannt und mit Wasser beträufelt wurde und nun ist sie eingesetzt. Das Ziel ist erreicht und Izmirli zufrieden. Ah ja, eine halbe Flasche Raki ist auch noch geschluckt worden...

Nach gut drei Monaten ist das Boot renoviert, wird mit vereinten Käften ins Wasser gestossen und säuft beinahe ab. Grosses Gelächter. Izmirli ist die Ruhe selbst. „Ich wette mit jedem von Euch eine Flasche Raki, dass mein Boot nach 48 Stunden weniger als 4 Liter Wasser pro Tag aufnehmen wird.“ Die meisten Boote machen pro Tag um zwischen 10 und 20 Liter Wasser. Das wird als normal bezeichnet. Angesichts der Tatsache, dass das Boot im 30 cm tiefen Wasser mit dem Kiel auf Grund liegt, werden rund 20 Flaschen Raki verwettet. Nach 3 Tagen besteht Izmirlis Raki-Lager aus 20 Flaschen Raki. Theoretisch, denn es dauert lange, bis jeder Wettfreund seine Schulden auch zahlt, wenn überhaupt: Das Boot macht tatsächlich kein Wasser!!! Ungläubiges Staunen.

Izmirli vertäut es im Hafen, lässt den Motor von einem Kran ins Boot hiefen und macht Testläufe. Inzwischen ist es anfangs März. „Wo sind deine Netze, Nail usta?“, fragen die Kollegen. „Das hat Zeit“, orakelt er. “Vor dem 20.März laufe ich dieses Jahr nicht aus. Bis zu diesem Datum kanns noch gewaltige Stürme geben. Ich will weder Boot noch Netze ruinieren“. Die andern fischen schon tüchtig, teilweise mit guten Erträgen. 18. März , frühe Morgenstunden: Nach einer klaren Nacht setzt in den frühen Morgenstunden völlig überraschend ein heftiger Sturm ein, welcher rund 20 Stunden dauert. Mit knapper Not erreichen die fischenden Boote den schützenden Hafen. Eines geht jedoch in Folge eines Motorschadens verloren, die zwei Fischer können gerettet werden. Noch schlimmer schmerzt jedoch jedoch der Verlust vieler Fangkörbe oder Netze, welche total zerrissen sind. Tagelange Reparturarbeiten sind die Folge. Bei vielen lohnt sich die Reparatur nicht mehr. Brauchbare Teile werden rausgeschnitten und als Bestandteile für neue Netze verwendet.

Am 21. März kommt Izmirli mit einem Fahrzeug, lädt sechs Netze aufs Boot und dampft ab, während die anderen ihre Netze reparieren, Fangkörbe aufrüsten etc. Er fischt in den kommenden 10 Tagen äusserst erfolgreich, verdient mehr als andere in zwei Monaten. Dies mit einem neuwertigen Boot, neuwertigen Netzen. Die Saison hat begonnen!!! Die einzige Sorge von Izmirli: Noch immer gibt’s Wettschulden in Höhe von sechs Flaschen Raki.............

Walter Hebling - Türkei Club - für Freunde dieses Landes

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Revised: 30.12.2000
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