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Doppelte Spassbürgerschaft , von Gülbahar Kültür
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DOPPELTE SPAßBÜRGERSCHAFT

Aller Anfang ist schwer, sagt ein deutsches Sprichwort. Eine Glosse über die Modernisierung des deutschen Staatsbürgerschaftsrechts anzufangen, ist doppelt so schwer und das Thema auf die doppelte Staatsbürgerschaft zu reduzieren (wie es von allen Seiten allzugern praktiziert wird), ist doppelt und dreifach schwer. Also handelt es sich um eine Schwerstarbeit.

Manchmal hat man das Gefühl, alles gesagt bzw. gehört zu haben. Doch, kluge Köpfe wissen es genau, man kann viel sagen, ohne etwas gesagt zu haben bzw. glauben, viel gehört zu haben, ohne die Ohren offen zu halten. Nun, sei's drum. Das Thema ist viel zu sensibel, um es schnell vom Tisch zu fegen. Nichts wird den MigrantInnen geschenkt. Vom menschlichen Miteinander ganz zu schweigen, nichtmal die rechtliche Gleichberechtigung. Nun hat die rotgrüne Regierung gewagt, einen Schritt in die richtige Richtung zu tun, schon wird sie von der CDU/CSU-Bruderschaft mit Unterschriftenlisten bombardiert. Nach dem Motto: "Wo kommen wir denn hin, wenn jeder Dahergelaufene Deutscher werden kann!" mobilisieren die Abgewählten Menschen auf der Straße gegen die Reform des deutschen Staatsbürgerschaftsrechts, dessen Geburt im Jahre 1913 bekanntgegeben wurde.

Dabei ist es wahrlich kein leichtes Spiel, Deutsche/r zu werden. Jene, die bereits einen deutschen Paß besitzen - aus welchen Gründen auch immer -, können sich ruhig zurücklehnen und das Treiben betrachten. Was war zuerst da? Die Reform des Staatsbürgerschaftsrechts oder die doppelte Staatsbürgerschaft? Nach den letzten Debatten weiß kein Mensch mehr richtig bescheid. Wie man Verwirrung in der Gesellschaft stiften kann, hat die Unterschriftenkampagne der CDU eindeutig gezeigt. Auf jeden Fall ist ein Ziel erreicht; die Deutschen zeigen wieder politisches Interesse und haben sich von ihrer Politikverdrossenheit verabschiedet. Schließlich geht es um ihr Blut und Boden. Beides wollen sie für sich behalten, als würde ihnen durch die Reform das Blut aus den Adern gesogen und der Boden unter den Füßen gezogen. In solch einem Fall wäre es allzu verständlich, wenn sie ihr Staatsbürgerschaftsrecht unverändert erhalten wollten.

Angst kann lähmende Auswirkungen haben. Die Angst in diesem Zusammenhang hat jedoch kreative Auswirkungen. Die Deutschen sind phantasievoll wie noch nie. Die Opposition hat ein Malwettbewerb mit dem Titel "Was bringt die Reform des Staatsbürgerschaftsrechts mit sich?" ausgeschrieben und das Volk malt und malt und malt sich aus, was das Zeug hält. Aus dieser Reihe sollen im folgenden einige Bilder ausgestellt werden;

Bild 1 mit dem Titel: Deutschlanatolien: Alle Dorfbewohner in Anatolien sitzen auf ihren vollbepackten Koffern und warten auf einen Anruf ihrer eingedeutschten Verwandten aus Deutschland.

Bild 2 mit dem Titel: Der mit den Pässen wedelt: Die Straßen wimmeln nur so von Neudeutschen, die den Altdeutschen grimassenschneidend mit ihren beiden Pässen wedeln.

Bild 3 mit dem Titel: Das mögen wir nicht.: Alle ausländischen Kriminelle kommen in den Genuß, endlich als Deutsche in die Kriminalstatistik aufgenommen zu werden.

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Bild 4 mit dem Titel: Arbaytsamt/Grankengasse/Haubbanof: Türkisch als Amtssprache, wobei folgende Buchstaben falsch ausgesprochen werden dürfen: tharf.gif (1058 Byte)

Bild 5 mit dem Titel: Glaub mir: neben jeder Kirche ist eine Moschee zu errichten, neben der Moschee eine Synagoge und daneben ein buddistischer Tempel und wenn noch etwas Grünfläche übrig bleibt, Gebetsräume für eine staatlich anerkannte Sekte

Wie bereits gesagt, es ist nicht einfach, Deutsche zu werden (zu sein ebenfalls). Der Werdegang (nicht Wallers letzter Gang) hat drei nicht zu unterschätzende Hürden; Loyalität, Sprachkenntnis und ausreichende Knete sind die Bedingungen.

Wer Deutscher sein will, muß auch Deutsch können. Recht so! Wie soll sonst die Loyalität festgestellt werden. Schließlich verfügt nicht jeder Mensch über pandomimische Fähigkeiten. Mein Vorschlag lautet: alle deutschen arbeitslosen Lehrer erhalten den Auftrag, einen Sprachstand zu errichten. Das muß man sich wie einen Bauchladen vorstellen. Er nimmt jeden Morgen einen aufklappbaren Tisch, einen Hocker sowie sein Unterrichtsbuch "Deutsch für Ausländer" mit, sucht Wohngebiete auf, in denen sich potentielle Deutsche aufhalten, errichtet dort seinen Arbeitsplatz und sagt lauthals "habe jede Menge Qualifikation, erteile Deutschunterricht, erteile Deutschunterricht!". An dieser staatlich geförderten Arbeitsbeschaffungsmaßnahme dürften dann auch sprachgeschädigte Inländer teilnehmen.

Da man nicht davon ausgehen kann, daß jeder Deutsche vom Geburt an loyal ist, schlage ich als Neubürgerin im Interesse der Demokratie folgendes vor: wenn man schon dabei ist, könnte man die ganze Bevölkerung nach der Loyalität durchforsten. Sicher ist sicher, oder? Also, man sollte in allen Bezirken Loyalitätskommissionen bilden, die die Bürger nach jeder Bundestagswahl erneut prüft. Schließlich muß der Kfz-Halter auch alle zwei Jahre zum TÜV. Am Ende einer bestandenen Loyalitätsprüfung bekommt der Bürger eine Tauglichkeitsbescheinigung, um bis zu den nächsten Wahlen als Untertan dienen zu dürfen. Wer durchfällt, wird innerhalb einer Woche des Landes verwiesen. Bei wiedererlangter Tauglichkeit, die durch die Vertretungen im Ausland festgestellt wird, bekommt er eine Rückkehrerlaubnis. Doch die Kriterien dieser Prüfung mögen sich die Väter der Unterschriftenkampagne ausdenken, dazu reicht meine Phantasie nicht aus.

Bleibt nur noch die ökonomische Hürde. Wer das nötige Kleingeld hat und sich die deutsche Staatsbürgerschaft leisten kann, bitte schön. Wehe dem, der nach dreißigjähriger Fabrikarbeit so viel Rente bekommt, daß er am Ende doch so wenig in der Tasche hat. In diesem Fall ist man arm dran, um nicht zu sagen, beschissen. Kein Geld, nix Deutsche. Welche Lehre zieht der Mensch aus dieser Bedingung; alle Deutschen haben stets flüssig zu sein.

Ich sagte schon, nichts wird einem geschenkt. Nicht mal die rechtliche Gleichberechtigung. Alles muß man sich selbst erarbeiten. Doch, keine Rose ohne Dornen!

Gülbahar Kültür,
aus: ZETT, Bremen / März 1999

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