
Geschlechterdemokratie/Eine
Gedankenreise, von Gülbahar Kültür
GESCHLECHTERDEMOKRATIE
/Eine Gedankenreise
Als ich vor einigen Monaten gefragt wurde, ob ich auf einer Podiumsdiskussion zum Thema
„Geschlechterdemokratie“ etwas aus der migrationspolitischen Sicht beitragen könnte,
war mir der Ausmaß dieses Begriffes anscheinend nicht sofort klar. Denn je mehr ich mir
Gedanken über das Thema und den herzustellenden Zusammenhang machte, umso schwieriger
wurde es. Als erstes stellten sich mir zwei Begriffe in den Weg, über die ein
gründliches Nachdenken unerläßlich war und ist. Ja, es geht um die beiden Worte
„Geschlechter“ und „Demokratie“. Dann tauchte schon die erste Frage auf, ob die
beiden Begriffe miteinander vereinbar sind, außer daß sie bei einer sprachlichen
Zusammensetzung ein neues Wort ergeben?
Aufgrund einer Gedankenreise, die für mich keineswegs abgeschlossen ist, möchte ich
einen Beitrag in der Weise leisten, daß ich von den verschiedenen Stationen dieser Reise
berichte. Vorab muß ich jedoch gestehen, daß ich mich mit dem Thema nicht
wissenschaftlich beschäftigt habe, da mir dies einerseits nicht liegt und ich
andererseits der Meinung bin, daß es genügend weibliche Kompetenzen gibt, die sich damit
wissenschaftlich auseinandersetzen. Meine Überlegungen basieren mehr auf die praktischen
Erfahrungen in der Frauenbewegung, sowohl als Frau als auch als Migrantin.
Zunächst möchte ich mir den Begriff „Demokratie“ vorknüpfen. Die gängige Meinung
bzw. Überzeugung, einzig alle seligmachende Form des politischen und sozialen
Zusammenlebens sei die Demokratie, erscheint mir fragwürdig, und zwar nicht deshalb, weil
ich einen besseren Vorschlag hätte, sondern weil ich mit folgenden Problemen bzw. Fragen
konfrontiert bin;
- Wie kann eine aus durch und durch patriarchaler Gesinnung entstandene Regierungsform von
den Frauen so verinnerlicht werden, daß sie sie auf allen Ebenen nachstreben? Wieviel
Freiheit läßt Demokratie dem Individium –sowohl männlichen als auch weiblichen
Geschlechts- überhaupt zu?
- Gibt es keine weiblichen Utopien des Zusammenlebens? Wenn ja, warum schaffen sich solche
Utopien kein Gehör? Die Frauen werden immer noch in vielen Ländern der Erde, in denen
Demokratie herrscht, als Randgruppe behandelt. Die Parteiprogramme heben sie besonders
hervor, als wären sie nicht immanente Mitglieder der Gesellschaft.
- Demokratie als Maßstab männlicher Tugenden, in der im Laufe der Geschichte Frauen
mitbeteiligt wurden, oder sich diese Beteiligung erkämpft haben und immer noch darum
kämpfen, müßte eigentlich den Frauen längst die Augen geöffnet haben. Damit meine ich
folgendes; es kommt mir so vor, als ob wir Frauen danach streben, an der herrschenden
Ungerechtigkeit teilzunehmen, oder vielleicht anders ausgedrückt, als würden wir unser
Recht an der Ungerechtigkeit geltend machen wollen. Für mich eine ziemlich negative, wenn
nicht nihilistische, Utopie. Auch ohne bessere Vorschläge, erlaube ich mir als Mensch
diese Zweifel anzumelden.
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- Ebenso erlaube ich mir die Frage, wie es für Männer aussehen würde, wenn eine
weibliche Herrschaftsform aktuell wäre, d.h. eine nicht mal ausgedachte Möglichkeit
Wirklichkeit wäre? Das führt uns jedoch zu weit weg vom Thema und wäre wahrscheinlich
besser unter dem Stichwort „Visionen/Utopien“ zu plazieren.
Nun genug der Überlegungen, kommen wir zu den Nährwerten der Demokratie;
Da wir nun mal in einer Demokratie leben -und die nächsten Jahrzehnte werden uns nichts
Gescheiteres bescheren vermute ich- ist es angebracht, sich nach den herrschenden
Spielregeln das Beste für Frauen herauszuholen. Als es die Frauenbewegung in Deutschland
gab, ich meine die 70iger und 80iger Jahre, war ich noch ein Kind und hatte wenig mit
Feminismus am Hut, ebenso war mein soziales Umfeld davon geprägt. Meine erste unbewußte
feministische Aktion hatte keine fundierten Kenntnisse nachzuweisen. Ich war 10 Jahre alt
und wollte nach der Grundschule weiter in die Mittelschule. Das war damals nicht unbedingt
selbstverständlich, besonders wenn man bedenkt, daß ich das zweite Mädchen in der
Sippschaft war, die weiter zur Schule gehen durfte, obwohl es sich um ein
Mädchengymnasium gehandelt hatte. Doch, daß ich die Erlaubnis bekam, ist jedoch einzig
auf meine Beharrlichkeit bzw. meinem Trotzverhalten zurückzuführen.
Wenn ich einen weiten Sprung machen darf, dann kann ich sagen, daß ich - wie viele andere
wahrscheinlich auch- über linke Politik auf Frauenpolitik gestoßen bin. Das sind jetzt
ca. 10 bis 12 Jahre her. Als einheimische Frau in Deutschland mit gewissen Rechten und
Prioritäten, sprich Chanchengleichheit mit der konkurrierenden Männerwelt, kann frau
sich vielleicht ein unpolitisches Leben leisten und sich der persönlichen Karriere
widmen, aber als Migrantin in Deutschland hat frau diesen Luxus nicht, wenn sie die
Kompetenzen besitzt aber nicht die Chanchengleichheit.
Ich würde gerne folgende Beobachtung bzw. Feststellung ans Herz legen;
Als ich damals vor ungefähr 10 Jahren mit anderen Migrantinnen aus unterschiedlichen
Ländern zusammenkam, um unsere Situation, Belange, Ansprüche, Bedürfnisse, Probleme
etc. effektiv herauszuarbeiten und öffentlich zur Diskussion zu stellen, wollten wir uns
von den einheimischen Frauen abgrenzen. Diese Abgrenzung war jedoch die natürliche Folge
einer vorhergegangenen, erfahrenen Abgrenzung, nämlich seitens der deutschen
Frauenbewegung. Wir gingen mit unserem Anderssein in dieser Bewegung unter bzw. wurden als
Nebeneffekt geduldet, gar als Unmündige bemitleidet. Uns war es ein Rätsel, wie es
möglich war, daß die Opfer der männlichen Hegemonie, sprich einheimische Frauen, die
Stellung dieser Männer gegenüber den Migrantinnen einnehmen konnten. Rechnerisch sahen
wir uns einer dreifachen Männlichkeit gegenüberstehen, d.h. die Männerwelt bekam
dadurch eine doppelte Wertigkeit, indem sich Frauen der herrschenden Mehrheit uns
gegenüber „einfach“ männlich verhielten.
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Aus dem zu Anfang Gesagten ergibt sich eigentlich, daß der Feminismus längst nicht
überholt ist, sondern mehr denn je vonnöten sein wird, um der Vision von einer
weiblich-humanistischen Gesellschaftsform Theoriearbeit zu leisten. Das Konzept der
Geschlechterdemokratie kann von mir aus zu diesem Vorhaben als Mittel zum Zweck dienen.
Gülbahar Kültür, Bremen Herbst 1999
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