
Was ist
„getürkt“ , von Claudia Dantschke
Was ist „getürkt“?
Der Deutsche führt niemanden
hinters Licht. Der Türke schon. Warum sonst gäbe es die Redewendung: „Das
ist getürkt“? Nun gut, die politisch korrekt schreibende Zunft vermeidet
die diskriminierende Floskel – aber im Alltag begegnet man ihr nach wie vor.
Und wer ist schuld daran? Ein sächsischer
Adeliger, der im 18. Jahrhundert ganz Europa mit einem Schachautomaten getäuscht
hat.
Der Dichter und Hofrat, Baron
Wolfgang von Kempelen (1734 - 1804), gilt bis heute als bedeutender Erfinder
von „Rokoko-Hightech-Maschinen“. Dazu gehört auch der erste Schachautomat
der westlichen Welt, den er 1769 am Wiener Hof der Öffentlichkeit präsentierte.
Er nannte seine „denkende“ Maschine „den Türken“. Denn vor der unförmigen
Kiste mit dem Schachbrett saß eine lebensgroße, prunkvoll osmanisch
gekleidete Puppe.
Das Geheimnis seiner Maschine,
behauptete von Kempelen, liege allein in der komplexen Zahnrad-Mechanik im
Inneren der Kiste. Die Schnelligkeit, mit der der mechanische „Türke“
fast jeden Schachspieler seiner Zeit schlug, ließen an dieser Erklärung
zweifeln. Jeder Schach-Profi oder Computerexperte der heutigen Zeit würde
diese Zweifel bestätigen. Es muss also getrickst worden sein. Die Überlieferung
berichtet denn auch, dass sich ein Mensch im Gehäuse der Maschine versteckte.
Über eine mechanische Steuerung konnte er seine Schachfiguren mit dem Arm der
„Türken-Puppe“ bewegen. Den Spielstand übersah er, indem er in geschickt
angeordnete Spiegel blickte, wie sie auch von Zauberkünstlern verwendet
werden.
Der erste Käufer des „Schach-Türken“
war Friedrich der Große, der Preußenkönig soll den Schwindel bald bemerkt
haben. Im Volk verbreitete sich die Wahrheit über den Schach-Türken nur
langsam, weil verschiedene Schachmeister gegen den Automaten antraten und mit
öffentlichen Vorführungen die Legende von der denkenden Maschine am Leben
hielten.
Baron von Kempelen hatte das
Geheimnis seines Automaten mit ins Grab genommen. Die Menschen seiner Zeit
vertrauten dem „Schach-Türken“, war doch der Glaube an die Allmacht der
Technik im 18. und 19. Jahrhundert grenzenlos. Entsprechend tief saß später
die Enttäuschung über die Vorspiegelung falscher Tatsachen: Jener
Schachautomat war nur getürkt.
(Quelle: private hompage
www.schachmania.de: Die ersten Schachautomaten; Definition des Begriffes „Türke“
im Lexikon der Informatik und Datenverarbeitung)
Claudia Dantschke
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Revised: 7.3.2001
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