
Fast
geschenkt! , von
Wildolf H. Supper
Fast
geschenkt! Beobachtungen
eines Rentnerehepaares in
der Türkei
Wir waren mal
wieder auf Achse, wir, dass ist ein Oldieehepaar aus Süddeutschland, das
furchtbar neugierig ist, gleichzeitig aber auch etwas verunsichert. Türkei! ,
mein Gott, wohnen nicht dort diejenigen, die vor längerer Zeit mit ihren
Krummsäbeln Wien belagerten? . Und zu denen wollt ihr hin, dahin wo die
Frauen so verschleiert sind, dass auch ein Mann drin stecken könnte, zu denen
wollt ihr, also dies ist uns schleierhaft. Wir wollten, denn nach Mallorca
kann jeder Grasdackel, und in der Toskana stolpert man ja immer über unsere
Politiker, die dort ihre Schwarzkonten verbuddeln. Außerdem hat uns ja ein
netter Herr, den Namen Peter Kaiser wollen wir nicht nennen, nach schüchterner
Nachfrage geschrieben, dass es an der türkischen Adria sehr schön wäre, und
überhaupt und außerdem. Also, für drei Wochen gebucht und unser Stammplatz
wurde Camyuva, der Urlaubsort mit den berühmten Bordsteinen.
Und heute also
fuhren wir mit dem Fahrzeug, das auch als Testwagen für Gebisshaftmittel
weltweit bekannt ist, Dolmus genannt, nach Kemer. Wir fuhren viel und oft mit
dem Dolmus, denn mit diesem Schlaglochsuchgerät lernt man Land und Leute
schneller und besser kennen, als mit den organisierten Kaffeefahrten, die
prompt an mindestens drei Geschäften halten, als da waren Gold, Leder und
Teppiche. Man wollte eigentlich zu einer ganz berühmten Sehenswürdigkeit,
schön billig, aber davor hatten irgendwelche Götter oder Tourbegleiter eben
diese Halte-und Ausschnaufpunkte gesetzt. Aber mit dem Dolmus, ja da kamen wir
sogar an Stellen, wo wir überhaupt nicht hinwollten! . So wollten wir mal
nach Phaselis, und spätestens in Finike fiel uns auf, dass wir ja dem Fahrer
nicht gesagt haben, wo wir eigentlich hinwollten, aber dort und in Myra beim
guten Nikolaus und den Felsgräbern war die Welt auch schön. Wenn einer eine
Reise tut ----.
Aber zurück zu
unserem Dolmus, der uns vereinbarungsgemäß am Busbahnhof in Kemer raushopsen
ließ. Wir wollten zum Hafen, aber nirgends ein Hinweis, was soll’s, wer
fragt, bekommt Antwort. Der nette ältere Herr mit dem großen Rauschebart war
zwar nett, aber ohne Deutschkenntnisse. Wir können null türkisch, wir haben
ja Schwierigkeiten, unsere deutsche Sprache ohne unseren badischen Dialekt den
Leuten nahezubringen.
Aber habe ich
nicht schon einmal erwähnt, dass die Türken hilfsbereite Menschen sind? . In
ganz kurzer Zeit waren wir in einem Pulk hilfsbereiter Menschen
eingeschlossen, die sich fast in die Haare bekamen, weil jeder einen besseren
Weg zu Hafen wusste. Wir entschlossen uns, dem zu glauben, der uns davon überzeugte,
dass wir nach links durch die Neubausiedlung zu gehen hätten, dann könnten
wir den gesamten Hafen besichtigen. Oh, wie recht er doch hatte. Und außerdem
war sein Mundgeruch außerordentlich streng, man weiß ja: Knoblauch ist
gesund, macht aber einsam. Also machten wir uns auf den Weg, schlugen auch das
Angebot eines jungen Burschen aus, uns mit seinem Wagen für 5, - DM zum Hafen
zu fahren. Aber da sein Auto mindestens doppelt so alt wie er war, haben wir
verzichtet. Oh großer Manitu, dies hätten wir nicht tun sollen, denn der Weg
zum Hafen zog und zog sich, um dann endlich an einer riesigen Baustelle, aber
auch tatsächlich am Hafen zu enden. Hier war es echt schön, große LKW
karrten Steine und Aushub durch die Gegend, Baukräne ließen ein melodisches
Gekrächze hören, Dampframmen schlugen den Takt dazu, Schlammpfützen
erfrischten unsere müden Beine, einfach wundervoll. Nach etwa 40 Minuten
Baustellenbegehung wurde es besser, fertige Hotels säumten den Strand, das
erste Grün ließ sich sehen, ebenso Bänke zum rasten. Unser Reiseführer
hatte es uns schriftlich gegeben, dass hier an dem preisgekrönten Yachthafen
ein lebhaftes Treiben herrsche, Motor-und Segelboote, Fischerkähne und
Ausflugsbarkassen würden für ein herrliches Lokalkolorit sorgen. Dazu die
Imbissbuden, Souvenirläden, fliegende Händler und vieles mehr. Aber nicht am
Samstag, den 10.Februar im Jahre 2001! Und schon gar nicht morgens um 9,30
Uhr. Zugegeben, es lagen wunderschöne und bestimmt sehr teuere Yachten hier
vor Anker, aber sie lagen halt vor Anker, nix mit lebhaftem Treiben. Ebenso
war kein Laden geöffnet, die fliegenden Händler schienen sich verflogen zu
haben, kein Efes, keine Löwenmilch, nix. So machten wir uns mit müden Füssen
auf den Rückweg nach Kemer-Innenstadt, hoffend, dass ein Taxi oder Dolmus uns
den Weg verkürzen möge. Wir wären selbst auf ein Kamel geklettert, oder hätten
ein Fahrrad geklaut, nur um unsere Leiden zu mildern. Aber, es sollte nicht
sein, keines der vorgenannten Transportmittel kreuzte unseren Weg. Nach gut 40
Minuten: Da, Samuel hilf, eine Einkaufsstrasse, die sich Boulevard oder ähnlich
nannte, mit Geschäften rechts und links. Ein Efesschild ließ mein Herz höher
schlagen, blitzartig stürzten wir auf einen kleinen Tisch vor dem Restaurant,
gerettet! Denkste, das Tischchen gehörte zu dem daneben liegenden
Teppichladen. Das war der dritte große Fehler in unserem Leben, der 1. war,
dass wir überhaupt in die Türkei gekommen sind, der 2., das wir den Hafen
von Kemer im Februar besichtigen wollten, und der 3. Fehler bestand aus der
Tatsache, dass wir am falschen Tisch Platz genommen hatten. Um unser Unglück
abzurunden, war das Restaurant noch geschlossen, aber der Teppichladen war
leider schon geöffnet, was sich uns ganz kurzer Zeit schmerzhaft bewusst
wurde.
Schwestern und Brüder,
liebe Mitmenschen, wissen sie, was das heißt, einem türkischem Teppichhändler
praktisch wehrlos ausgeliefert zu sein. Ihm gehörte ja die Sitzgelegenheit,
an der ein älteres deutsches Ehepaar, die ja alle bekanntlich steinreich
sind, Platz genommen hatte. Ein Ehepaar, mit müden Füssen, einem
furztrockenem Hals, erschöpft und praktisch wehrlos dem Teppichgeier
ausgeliefert, der schon den Schnabel wetzte. Dies geschah in äußerst
subtiler Form, nämlich so: „ Oh, Du aus Deutscheland, war ich auch, in Kölne
bei Ford, und Du, woher?“ Aus Karlsruhe am Rhein, wo der Schwarzwald anfängt.
„ Oh ja, da war ich auch, ganze in Nähe, Köln auch Rhein“. Womit er ja
unzweifelhaft recht hatte, wenn man von den 300 Kilometern Entfernung der
beiden Städte mal absieht. Aber: Sein erster Angriff war gelungen, eine
Bresche in Richtung deutscher Geldbeutel war schon geschlagen. Nun setzte er
einen weiteren Stoßtrupp in Bewegung und traf uns damit an unserer
verwundbarsten Stelle: „ Ich bringe guten türkischen Tee für Freunde aus
Deutschelande.“ Wir waren fürs Erste geschlagen, der Tee war aber wirklich
sehr gut, könnte uns aber auch sehr teuer werden. Wir beschworen gegenseitig,
beim Andenken an unsere Urahnen auf gar keinen Fall, unter gar keinen Umständen,
einen Kauf zu tätigen. Wer weich wird, begeht Ehebruch oder Schlimmeres!. Fürsorglich
erkundigte sich der Teppichpfleger, ob es uns in der Türkei gefiele, und wo
wir wohnen würde. Nach dem dritten Versuch, ihm zu erklären, dass wir in
Camyuva, der absoluten Perle der Adria stationiert wären, gab ich es auf, gab
Finike an, weil dies viel leichter auszusprechen ist. Er gab sich dann
zufrieden, erwähnte dann, dass die Teppichpreise in den nächsten Tagen enorm
steigen würden, weil ja dann die Hauptsaison käme. Aber heute, und weil wir
seine ersten Kunden wären, könnte er uns einen Preis bieten, wie er seit den
Tagen des Kemal Atatürk noch nie angeboten wurde. Er lud uns ein, ganz
unverbindlich seinen Laden zu besichtigen, auch noch ein Tee wäre für uns
da. Wir baten ihn, uns noch etwas sitzen zu lassen, was er akzeptierte. Als er
im Laden verschwand, um die zweite Runde Tee einzuläuten, wollten wir uns
schnell verkrümeln, zu spät, er war schon wieder da, aber nicht mit dem Tee,
sondern einem kleinen Teppich. Er war etwa so groß wie ein Badetuch, mit schönem
Muster, auf der Rückseite ein sehr eindrucksvolles Etikett, das wohl bestätigte,
dass dieser Teppich total handgeknüpft ist, aus einer bestimmten Provinz der
Türkei stamme und eventuell schon über 3oo Jahre alt sei. Das Etikett war es
jedenfalls nicht. denn am Rande stand ganz klein eingedruckt die Jahreszahl
1999. Das erinnerte mich an einen Italienbesuch vor zig Jahren. Da kam ein
Enkel Mussolinis auf mich zu, zeigte mir eine Münze, die auf alt getrimmt
war. Reines Gold, und uralt, damit ich es auch glaube, wies er auf die
eingestanzte Jahreszahl hin > 233 v. Christus < !!! Nun, ganz so blöd
bin ich auch nicht, aber hier in Kemer stand ein Mann, der uns schon zwei Tee
serviert hatte, an dessen Tisch wir uns ausruhten, und, ausgerechnet wir wären
an diesem Tage seine ersten Kunden. Wenn er dem Erstkunden etwas verkauft, so
bringe ihm der restliche Tag Glück und ein gutes Geschäft. An einer Ecke des
Teppichs hing ein kleiner Zettel, DM 680,-, aber wir, als seine deutschen
Freunde und Erstkunden, würden einen Extrapreis bekommen, nämlich 500,-DM!
Wir brauchen aber ums Verrecken keinen Teppich, wir haben noch mindestens 3 Stück
in Reserve, eine Hinterlassenschaft unserer verstorbenen Tante. Ich erklärte
dies ihm, er schien mir nicht zu glauben, meinte ich wäre ein harter Mann,
worauf ich auf meine ehemalige Verlobte wies und sagte, sie wäre noch härter,
was mir einem empörten Blick meines Goldstückes einbrachte. Die Lage war
gespannt, denn nun änderte der Gute seine Taktik, um mich zu fragen, was ich
denn freiwillig zahlen wolle!. Aber auf diesen doppelten Trick fiel ich nicht
herein, hätte ich eine Summe genannt, so wäre meine Variante, wir brauchen
überhaupt keinen Teppich, als Täuschung oder zumindest als Ausrede ans Licht
gekommen. Aber ein anderer Grund, ja keine Summe zu nennen, ist viel
gewichtiger, denn nun würde ja schon richtig gehandelt werden, und da käme
man nicht mehr so leicht heraus. Diese Weisheit habe ich ebenfalls von dem
Mann, dessen Name ich hier nicht nennen werde. So lehnte ich jede
Stellungnahme in Bezug auf Preis ab, aber mit den Nerven war ich schon ganz
schön herunter. Auf seine Frage, ob er uns einen noch kleineren Teppich
vorlegen könne, einen ganz kleinen, seufzte ich tief auf und nickte mit dem
Kopf, mit was auch sonst ?. Meine Herzallerliebste zischelte mir zu, ich wäre
ein Feigling, und schien auch sonst nicht sehr glücklich zu sein. Da nahte
die Rettung in Form eines Ehepaares aus Hanau, die im gleichen Hotel wie wir
wohnten. Wir begrüßten uns, und da kam mir eine teuflische Idee, für die
mir noch heute die Schamröte ins Gesicht steigt. Ich erklärte den Beiden,
dass dieser Teppichladen einen Auskauf zu sagenhaft günstigen Preisen
veranstalten würden und schickte sie in den Laden. Meine Gattin sagte Pfui zu
mir, schnappte ihre Handtasche und wir rannten los, in Richtung Dolmusbahnhof
.
Eines ist mir bis heute nicht
klar, warum das Ehepaar aus Hanau mit uns kein Wort mehr sprach!.
[ Zurück ]
Aysen Doymaz ©2000
Aysen Doymaz.
All rights reserved.
Revised: 8.3.2001
http://www.aysen.net