
Brief
an eine junge türkische Freundin, die darüber klagt, sich ausgebrannt zu fühlen
von
Guntram Erbe
Der alte Karl Marx hatte schon
recht: Entfremdung von der eigenen Arbeit macht dumm (und unzufrieden). Wenn
man das Resultat der eigenen Arbeit nicht ernten kann, verliert man den
inneren Zusammenhang mit seiner Arbeit und sie wird zur belastenden
Geldbeschaffungsmethode ohne individuellen Sinn.
Und dann fühlt sich auch der
ausgebrannt, bei dem nie ein Feuer brannte.
Aber: warum berichtet
z.B. ein Grubenarbeiter in der Türkei nicht von seinem Ausgebranntsein?
Hat er die Wörter dafür
nicht?
Ist er ein gefühlloser Malocher?
Ist er zufrieden mit seinem harten Broterwerb?
Hat er Ansehen durch seinen Beruf?
Liebt ihn seine Frau mehr, weil er abends kraftlos ins Bett sinkt?
Kennt er keine Maßstäbe für ein menschenwürdiges Leben?
Nein, nichts von alledem!
Er ist froh, dass er so drin hängt,
denn er hat eine Arbeit.Er ist froh, dass er seiner Familie ein bisschen Geld
beschaffen kann.Er ist froh, dass er nicht in der Gosse gelandet ist.Er ist
froh, dass es ihm immer noch besser geht als anderen.
Wir dagegen, Sie und ich,
haben Zeit, Geld und Muße, an uns selbst rumzumachen, uns wehleidig im
Spiegel zu betrachten und jeden Maßstab für Glück zu verlieren.
Wir dagegen, Sie und ich, können
uns Freiräume schaffen, um über alles uns Betreffende missmutig zu
reflektieren.
Wir dagegen, Sie und ich, k ö
n n t e n Freundschaften pflegen, kreativ sein, die Maßstäbe für uns
selbst zurechtrücken und die lächerlich kleinen Beschwernisse in Vergleich
setzen zu den Beschwernissen von, sagen wir mal, weit über der Hälfte der
Menschheit unserer Erde, den Unterpriviligierten und Armen.
Und dennoch, Zufriedenheit
werden wir nicht mehr erreichen können, grundsätzlich nicht, denn unsere
Privilegien, unsere Freiheiten bestehen auf Kosten anderer.
Doch darüber klagen wir nicht,
sondern wir suchen nach den kleinen Anlässen, um ersatzweise klagen zu können
über:
das schlechte Wetter,
die lauten Nachbarn,
die vorlauten Kinder,
die kriminellen Ausländer,
die da oben,
die, die einfach eine Straße sperren,
die, die einfach Preise erhöhen,
die, die eine Fernsehsendung einfach verschieben,
die, die uns nicht mögen,
die, die uns beneiden,
die, denen es in jeder Beziehung besser geht als uns.
Damit kein Missverständnis
aufkommt:
Auch ich stecke bis über beide
Ohren in solchen Problemen.Wie ziehe ich mich aus diesem Sumpf?
Indem ich mir immer suggeriere:
die anderen brauchen mich,
ich brauche sie auch,
es gibt ja genügend Leute, mit denen ich mich verbunden fühle,
ich bin nicht allein,
ich werde geliebt,
ich liebe,
ich verschaffe mir kreative Momente.
Freilich bin ich dabei
ungeduldig, vor allem seit ich spüre, dass es Zeit wird, an das Ende des
Berufslebens (in einigen Jahren) zu denken; denn der Beruf bringt inzwischen
oft genug keine neuen Impulse für die letztlich doch sehr wichtige
Selbstverwirklichung mehr. Er erhöht meine intellektuellen und seelischen
Syntheseebenen nicht mehr.
Und so träume ich von
kreativen Schüben, die mich heimsuchen werden, wohl wissend, dass ein
Zufriedener solche Schübe nicht bekommt.
Da bleibt nur Bescheidenheit.
(Die zeige ich nach draußen
ganz sicher, aber eigentlich bin ich ein ganz schön eingebildeter Gimpel)
Ümit fakirin ekmegidir
In Freundschaft
Ihr
Guntram Erbe
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Aysen Doymaz
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Revised : 18.01.2000