
Ein ungewöhnliches
Frühstück, von Harald Gutbrod
Ein ungewöhnliches
Frühstück.
Im Mai 1982.
Zwei Tage Fahrt lagen hinter uns. Etwa 1 Stunde, vielleicht auch länger sind
wir bei Dunkelheit und regnerischem Wetter die letzten Kilometer durch
Bulgarien gefahren. Nun warteten wir am Grenzübergang Kapikule auf die
Abfertigung
durch die türkischen Grenzbeamten und die Einreise in die Türkei. "So
schnell habe ich diese Strecke von Würzburg bis hierher noch nie
zurückgelegt",
sagte ich zu Reinhold, der zuvor noch nie dieses Land bereist hatte. Vor uns
in
der Reihe etwa noch 4 bis 5 Fahrzeuge. Das vorderste wurde gerade eingehend
durchsucht. "Bei so wenig Autos sind wir bald abgefertigt", dachte
ich,
schaltete das Autoradio ein und lag in Gedanken schon im Bett. Da wir noch
nicht zu
Abend gegessen hatten, bestrichen wir unsere verbliebenen Brötchen mit
Leberwurst aus der Dose und verzehrten sie. Inzwischen hatte sich der Regen
verstärkt. Ich fing allmählich an zu frösteln. Die Zeit verging im
Schneckentempo
und noch immer waren wir trotz scheinbar ewigen Wartens keinen Zentimeter
vorwärts gekommen. Das Hotelbett war wieder in weite Ferne gerückt. Als der
Regen
nachließ, stieg ich aus dem VW-Bus und lief vor zum Zollbeamten. Das erste
Fahrzeug war bereits abgefertigt und parkte hinter dem Schlagbaum auf einem
Stellplatz. Weder Beamte noch Insassen des vordersten Fahrzeuges erweckten
den
Eindruck, dass es weiter geht. "Daha ne kadar sürecek? Sira ne zaman
bizde
olacak?" (Wie lange dauert es noch? Wann sind wir an der Reihe?), fragte
ich
ungeduldig. "Sabaha" lautete die wortkarge Antwort, wobei mir in
jenem
Moment
nicht klar war, dass dies so wörtlich gemeint war.
Obwohl die Möglichkeit bestand, im Bus zu schlafen - er war für Camping
eingerichtet - war nach der vorgerückten Zeit nicht mehr an Ruhe zu denken.
Zu
aufgepuscht war der Körper durch hoffnungsvolles Warten und den vielen, in
den
letzten Stunden getrunkenen Colas. Die Nacht war auch schon bald gelaufen.
Wie hatte ich bei der Ankunft beim Zoll vergessen können, dass die
Militärregierung (siki yönetim) nächtliches Ausgangsverbot verhängt hatte!
Es dämmerte bereits. Von Edirne her erschallte der Ruf eines Müezzin.
Plötzlich ging alles ganz schnell. Keine 15 Minuten dauerte es mehr, und
alle
Autos, auch wir, waren alle abgefertigt und auf der anderen Seite der
Grenze. Nur
16 Kilometer trennten uns noch von Edirne. Als wir am Stadtrand die antike
Brücke über den Tunca passiert hatten, hielten jungen Soldaten unser Auto
an.
Ich kurbelte das Fenster herunter und fragte nach ihrem Verlangen.
"Sigaraniz
var mi?" Sie wollen Zigaretten, sagte ich zu Reinhold, der wortlos eine
Schachtel hinausreichte. "Warum haben die uns angehalten", fragte
er. "Das
sind
arme Soldaten, die bekommen fast kein Geld. Darum haben sie um ein paar
Zigaretten gebeten". "Und ich war so erschrocken, dass ich denen
eine ganze
Schachtel gegeben habe", erwiderte er. Ja, die damaligen Berichte über
die
"gefährliche Türkei" hatten ganze Arbeit geleistet und bei meinem
Kollegen
eine große
Furcht vor Land und Leute erzeugt.
Mein sehnlichster Wunsch war ein gemütliches weiches Bett. Darum steuerte
ich das Hotel an, in dem ich mit meiner Familie bei den Reisen zuvor immer
übernachtet hatte. Reinhold jedoch war hungrig und wollte etwas essen. Bei
der
Rezeption fragte ich, ob wir hier jetzt etwas bekommen könnten. Das wurde
leider verneint. Ebenso wenig gefiel uns, dass die Zimmer nur bis 10 Uhr
belegt
werden dürfen. Da wären ja maximal vier Stunden Schlaf geblieben, und dafür
soviel bezahlen? Nun gut, Reinhold wollten erst einmal frühstücken und so
fragte
höflich, wo man denn jetzt um die Uhrzeit etwas essbares bekommen könnte.
"Çorbacida (beim Suppenverkäufer)", war die Antwort. Nun Suppe als
Frühstück
mag für Türken nichts außergewöhnliches sein, doch für uns war es das
schon.
Doch in der Not frisst der Teufel Fliegen und uns blieb auch nichts anderes
übrig. Hilfsbereit begleitete ein Hotelangestellte uns dorthin. Dort
angekommen
setzten wir uns an den Tresen. Es gab nur eine Sorte Suppe die in einem
riesigen Topf vor sich hin siedete. Der Çorbaci füllte zwei schalenförmige
Teller
und stellte vor uns auf den Teller. Eigentlich wollte ich nichts essen, da
mein Magen durch die Übernächtigung rebellierte. Doch ich hatte zu langsam
reagiert, und nun wollte ich den Mann am Herd jetzt auch nicht kränken.
Reinhold
schlürfte schon die ersten Löffel, als ich noch fragte, was dies denn für
Suppe sei. Sie war hell, sah aus wie Hühnercremesuppe. "Hmm schmeckt die
gut
und
würzig, sogar Fleischbrocken sind darinnen. Das ist Hühnchenfleisch",
sagte
Reinhold während der Çorbaci "iskembe corbasidir", antwortete. Nun
war mir
völlig der Appetit verdorben. Widerwillig aß ich zwei, drei Löffel. Der
Geschmack war wirklich vorzüglich. Und reichlich Knoblauch befand sich auch
darinnen. Aber allein der Gedanke an die Schafsdärme, hinderten mich die
Suppe weiter
zu essen und ich schob den Teller beiseite, mit der Bemerkung mir sei
schlecht. "Was ist denn das für eine Suppe", fragte Reinhold.
"Das weis ich
auch
nicht", war meine Antwort, denn ich wollte ihm nicht den Appetit
verderben.
Harald Gutbrod
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