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Der Bordstein von Çamyuva , von Wildolf H. Supper 
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Der Bordstein von Çamyuva 

Urlaubserinnerungen

Erlebt und niedergeschrieben 

Von Wildolf H. Supper

Gewidmet meinen Freunden

Peter und Nesrin

Hochverehrte Leserin und ebensolcher Leser.

 

Was, so werden Sie sich fragen, was ist unter Camyuva zu verstehen?

Nun, hätte ich Istanbul oder Antalya geschrieben, dann wäre Ihnen klar gewesen, hier ist Türkei, aber Camyuva, wo ist denn dies, und was hat man sich darunter vorzustellen. Ich darf Sie aufklären, es ist eine kleine Ortschaft zwischen Kemer und Finike, gelegen an der türkischen Adria, etwa 60, - km westlich von Antalya. Camyuva war noch vor wenigen Jahren ein Bauerndorf, umgeben von Orangen, Mandarinen und Zitronenhainen. Man lebte hier fast ausschließlich von landwirtschaftlichen Produkten, mehr schlecht als recht. Bis zu dem Zeitpunkt, als potente Investoren bemerkten, welch eine schöne Lage, welch mildes Klima und was für eine tolle und abwechslungsreiche Landschaft dieser Ort und seine Umgebung zu bieten hat. In kurzer Zeit entstanden große und kleine Hotels, Pensionen und Ferienclubs, Strandanlagen und die notwendige Infrastruktur. So ergibt sich jetzt, dass Camyuva ein aufstrebender Ferienort für sonnenhungrige Mitteleuropäer mit Schwerpunkt deutscher Gäste ist. Zwei vollkommen verschiedene Gesichter hat dieser Ort, denn wenn man von Kemer kommend in Camyuva einfährt, erblickt man linker Hand das Mittelmeer und die Hotels, Parks, Badeanlagen und Ferienclubs, alle direkt am Strand gelegen. Auf der anderen Straßenseite haben sich Geschäfte der unterschiedlichsten Art und Größe etabliert. Von der ganz einfachen und kleinen Imbissbude bis zum Juweliergeschäft der gehobenen Klasse, dazwischen jede Menge Andenkenläden, Textilwarengeschäfte, Bierbuden, Restaurants und Bars, kurz alles, was dem Urlauber den Geldbeutel erleichterten kann. Auf dieser Straßenseite geht es rustikal zu, vieles ist improvisiert, und als Gast muss man neidlos anerkennen, dass die Türken darin wahre Meister sind. So ist dies auch mit dem Straßenbau, und dies ganz besonders auf der rechten Seite dieser Dorfstraße, womit wir beim Thema wären. Die Bordsteine haben konsequent unterschiedliche Höhen, aus welchen Gründen dies so ist, konnte der Chronist nicht ermitteln. Manche sind kaum zu erkennen oder schlicht und ergreifend abgesackt, andere erreichen locker die imposante Höhe von gut 30 Zentimetern.

Nun wird es aber hohe Zeit, dem Publikum die handelnden Personen dieser ergreifenden Geschichte vorzustellen, als da sind; ein Ehepaar aus Sachsen, diverse andere Urlaubsgäste, Personal des Hotels Mayesty Elysee, und natürlich Einwohner dieses lieblichen Ortes. Und der Chronist dieses Dramas samt seiner Gattin. Die letztgenannten waren schon eine Woche hier im Urlaub, bei durchgehend sonnigen und warmen Wetter, dies Anfang Februar. Von hoch oben grüßt der Berg Tahtah (Olympos) mit seiner stolzen Höhe von 2.575 Meter mit seiner schneebedeckten Spitze, unten im Tal 24 Grad Celsius mit Palmen, Kakteen und Orangenbäumen, oft noch mit Früchten behangen. Ganz Mutige baden im Meer oder spielen Tennis, einfach schön für die Gäste, die wirklich zufrieden sind und sich wohlfühlen. Aber es gibt Zeitgenossen, denen es niemand recht machen kann, die an allem und jedem etwas zu mäkeln haben, die sogar mit sich selbst ganz offensichtlich unzufrieden sind. Das bereits erwähnte Ehepaar aus Sachen gehörte zu dieser Sorte, die wir, wie gesagt, erst nach einer Woche kennen lernten. Dies geschah um 8 Uhr vormittags, im Speisesaal unseres Hotels, den wir an diesem Tage, ganz entgegen unserer Gewohnheit, erst um diese Zeit betraten, um unser Frühstück einzunehmen. Plötzlich ging ein leisen Raunen durch den Raum, und als wir nach der Ursache forschten, erblickten wir eine Walküre der absoluten Sonderklasse, die sich energisch in Richtung Frühstückbüfett wälzte. Nein, ich habe mich nicht verschrieben, sie wälzte, angetan mit einem wallenden lindgrünen Kleid, den ziemlich weiten Ausschnitt behangen mit Kettchen und Anhänger in rot, bewaffnet mit einer roten Brokathandtasche, durch den Saal. Ohne zu übertreiben, unter mindestens 90,- kg. Lebendgewicht war da nichts zu machen, das Bruttogewicht lag bestimmt noch ein Kilogramm höher, denn an jedem Finger befanden sich mehrere Ringe. In einer dichten Wolke von Parfüm und Puderdunst eingehüllt, ihren erheblich kleineren Mann im Schlepptau, wurden die Teller vollgeladen. Im Stil eines Braunkohlenbaggers fiel sie darüber her, während ihr Männchen fast pausenlos damit beschäftigt war, Nachschub in Form von Butterhörnchen und Kaffee herbeizuschaffen. Als nach etlicher Zeit diese Zeremonie dem Ende zuging, erklärte die Dame, dass in der dominikanischen Republik der Kaffee bedeutend besser gewesen wäre. Damit wurde den Besatzungen der umliegenden 10 Tische auch klar, dass sie hier eine Dame von Welt vor sich hatten, die ihre Weisheiten im lupenreinen sächsisch von sich gab. Die weitere Bemerkung, dass es auf Mallorca mindestens 4 Sorten Oliven gäbe, während hier im Hotel nur deren zwei zu sehen seien, rundete das Ganze nur noch ab. Die stets freundlichen und der deutschen Sprache durchgehend mächtigen Kellner und Ober schienen plötzlich nur noch türkisch zu verstehen, sodass sich die Walküre erhob und mit der lautstark verkündeten Meinung, hier gäbe es ja nicht einmal Speiseeis, den Saal verließ. Wenig später sahen wir sie und ihr Rumpelstilzchen am Empfang wieder, wo sie einen Mietwagen orderte, da die Busse für sie vollkommen ungewohnt wären.

Zwei Tage später sahen wir dieses Pärchen wieder, als wir zur Mittagszeit vor einem kleinen Restaurant unter einem Sonnschirm saßen und den Herrgott einen guten Mann sein ließen. Es erschien ein Fiat-Panda, also ein Kleinwagen, beladen mit unserem ungleichen Ehepaar. Direkt vor uns fuhr der Mann ran an den Bordstein, stellte den Motor ab und begab sich in den schützenden Schatten. Dort rückte er einen Tisch zurecht, während die Dame noch mit dem Sicherheitsgurt kämpfte, der ganz offensichtlich etwas zu kurz für den Umfang dieses Schlachtkreuzers war. Anschließend wollte sie die Türe öffnen, und nun kommt der Bordstein von Camyuva ins Spiel! Es war einer von der hohen Sorte, und der Fiat-Panda ist ein Kleinwagen der niedrigen Sorte, es fehlten wenige Zentimeter, um die Wagentüre über den Bordstein zu schwenken. Während ihr Männeken schon die Speisekarte studierte, kurbelte sie mit hochrotem Kopf an der Fensterkurbel herum, um dann durch Fenster die Tatsache hinauszurufen, dass sie nicht aussteigen könne. Also fuhr ihr Gatte den Wagen weg vom Bordstein, ließ die Dame auf der Strasse aussteigen, was das Wägelchen mit einem lautem Seufzer quittierte und sich umgehend um cirka 5 Zentimeter aus den Federn hob. Nun, auch Sachsen sind Deutsche, und diese sind für Ordnung bekannt, also wurde der Fiat wieder genau in die Ausgangsposition bugsiert, will meinen, vor diesen schönen und hohen Bordstein. Inzwischen hatte der Ober des Lokals in weiser Voraussicht den Plastikstuhl am Tisch gegen einen Stahlrohrsitz ausgewechselt, auf den sich nun die Dame, heftig schnaufend, niederließ. Geordert wurde umgehend für sie eine osmanische Pfanne, während er sich mit einem Hirtensalat zufrieden gab. Nachdem die osmanische Pfanne unter Zuhilfenahme von zwei Gläsern Rotwein von ihr niedergemetzelt war, erhob sie sich vom Gestühle und schritt zum Kleinwagen, dessen Türe sich trotz des hohen Bordsteines nun öffnen ließ.

Verehrtes Publikum, es folgte nun ein Vorgang, den ich aus Genauigkeitsgründen etwas ausführlicher darstellen will. Da ja, wie bereits erwähnt, es ein ziemlich kleiner Wagen war, ist das Einsteigen für Personen mit einem normalen Umfang schon etwas beschwerlich, noch dazu von einen hohem Bordstein aus. Für die Dame grenzte es an Akrobatik, um hier in den Sitz zu kommen. Zuerst den linken Fuß vorsichtig und langsam hinein ins Auto, dann etwas in die Hocke gehen, das Hinterteil in Position bringen, um dann mit einem Plumpser sich auf den Sitz fallen lassen. So geschah es, es plumpste gewaltig, der Fiat wurde blitzartig in die Federn gehauen, es gab ein schmerzhaftes, metallisches Scharren, und die geöffnete Türe war festgerammt. Dieser Vorgang wurde von dem inzwischen recht zahlreichem Publikum mit größter Aufmerksamkeit, und mit schlecht verhohlener Schadenfreude registriert. Nun saß also unsere Walküre festgekeilt auf dem Beifahrersitz, fast genau so fest wie die Wagentüre auf dem Bordstein. Ihr Mann hatte inzwischen die Rechnung beglichen, wollte die Wagentüre schließen, logischerweise vergeblich. Folgerichtig forderte er seine Dulcinea auf, das Fahrzeug nochmals zu verlassen, um es vom Bordstein wegfahren zu können. Seine Lieblichkeit war inzwischen geladen wie eine alte Strandhaubitze, schwitzend und mit hochrotem Kopf weigerte sie sich, nochmals das Aussteigemanöver in Gang zu setzen, dies in gehobener Lautstärke und natürlich im lieblichen Sächsisch. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich Mühe hatte, nicht laut herauszulachen, und da war ich ganz bestimmt nicht der Einzige. Also versuchte ihr Ehegespons, den Wagen samt offener Türe wegzufahren, was die Türe mit einem nervenzerfetzenden Gekreisch quittierte, so ging’s nicht. Der Gute stieg wieder aus, um seiner Gattin mitzuteilen, dass die einzige Möglichkeit, hier wegzukommen, ohne die Wagentüre abzureißen, eben ihr ausstieg aus dem Wägelchen wäre. Ob sie nicht auf seinen Sitz rutschen könne, um auf der Straßenseite ins Freie zu gelangen. Hierzu wäre aber die Demontage der Gangschaltung und des Lenkrades notwendig gewesen, wie sich nach kurzer Zeit herausstellte. Die Gäste des Lokals „ Beim Hansi“, sowie der rechts und links davon liegenden Geschäfte waren längst fasziniert von diesem Schauspiel, alle harrten gespannt der Dinge, die noch folgen würden. Sie taten allerdings so, als ob sie überhaupt nicht bemerken würden, was hier vorging, und auch ich hatte Mühe, meine Schadenfreude zu verbergen. Diese Dame hatte es nämlich fertig gebracht, sich innerhalb kürzester Zeit sehr unbeliebt zu machen, es herrschte also die allseits beliebte Schadenfreude. Habe ich bisher vergessen, festzustellen, dass die Türken sehr freundliche und hilfsbereite Leute sind ?. Also begaben sie sich zu dem armen gepeinigten Fiat, drei Mann stemmten sich gegen das Wagendach, der vierte im Bunde drückte mit kräftigem Hauruck die Türe zu. Huldvoll winkend dankte die Dame der Fülle den Helfern, der Fiat entfleuchte samt Inhalt. Sie waren noch keine zwanzig Meter weg, war ein Gelächter und ein Geschrei wie auf einem Kirmesmarkt, Tränen des Lachens flossen, und die Stimmung stieg schlagartig an.

Es wurde ein sehr schöner und feuchter Mittag, und Spätnachmittag, Efes( Biersorte) und Raki hatten Hochkonjunktur, Wirt zum Hansi samt Personal waren hochzufrieden. Nur ein Mitmensch aus dem Bayernlande ärgerte sich furchtbar : „I hob a sauguate Kamera, un grad itzo liagt die oben im Kammerl, so an Scheiß!“.

Der Verfasser dieser Geschichte würde sich freuen, eine Resonanz zu bekommen.

Peters Anmerkung: 

Für die Resonanz an Wildolf hier sein Email: 

Brigantenalm@t-online.de er freut sich über Eure Meldungen!

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Revised: 8.3.2001
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