
Eine
Nachbarin , von Angelika Mogk
EINE NACHBARINIhre Wohnung war weiß und hell. Es gab nur spärliche
Dekorationen, alles war übersichtlich, sauber und geordnet. Immer wenn ich sie besuchte,
war sie in der Küche, Sommer wie Winter bei offenem Fenster, wegen dem Zigarettenrauch
und mit laufendem Fernseher.
Sie saß da in ihrer Wohnung und hing
ihren Gedanken nach, schaute aus dem Fenster, wenn die Kinder klingelten oder riefen und
fühlte sich eingesperrt. Seitdem sie arbeitslos war, wurde es stärker. Auch ihre Ängste
waren wieder einmal gewachsen. Sie kannte viele Nachbarn seit Jahren, doch in der Gegend
in der sie wohnte gingen die Menschen nicht freundlich miteinander um. Sie warf einen
Blick aus dem Fenster und die draußen erschienen ihr wie Roboter, leblos. Was taten sie
mit ihrem Leben?
Sie hatte nur mit ihnen zu tun, wenn es
Ärger gab. Wegen der Schuhe im Flur, wegen der Kinder, wegen dem Parkplatz, wegen der
Hausordnung. Sie suchte. In ihren Gedanken suchte sie einen Ausweg, einen Platz, um dort
leben zu können, einen Platz, wo sie Hilfe mit den Kindern bekam und nicht nur Ärger.
In der letzten Zeit war ihre Hauptfreude
sich ins Auto zu setzen und zu fahren. Ganz gleich wie hoch die Benzinpreise waren.
Einfach fahren. Geschützt in dieser metallenen Kiste vor Zugriffen ihrer Mitmenschen frei
durch die Welt streifen. Sie hielt nirgends an. Jeder Ort draußen hätte sie
ausgeliefert. Also fuhr sie nur und fühlte sich dabei wie ein Vogel. Alle Sorgen und
aller Kummer fielen von ihr ab. Geschützt konnte sie durch die Welt schweifen, konnte sie
zumindest durch die Scheibe sehen, nicht bloß widergespiegelt im Fernseher.
Nach einer Stunde kehrte sie nach Hause
zurück, entspannt wie andere nach einem heißen Bad oder autogenem Training. Sie
betrachtete noch einmal ihr Auto, bevor sie ins Haus ging. Lange hatte sie darum ringen
müssen es anzuschaffen und es fiel ihr schwer es zu halten. Doch das war ein Luxus, der
ihr so viel Gewinn brachte, dass dieser Preis nicht zu hoch war. An diesem Tag hatte sie
ein wenig das Leben gesehen, das ihr sonst verschlossen blieb und wenig für sie bereit
hielt.
Doch zu Hause suchten ihre Gedanken
weiter. Suchten und suchten. Was sie nicht merkte war, wie sie dabei wuchs. Doch ich
merkte es. Ich besuchte sie, redete mit ihr, kannte was sie beschrieb und meine Augen
wurden groß angesichts dieser kleinen tapferen Frau mit den dunklen Augen, der weißen
Haut und dem dichten krausen Haar.
Es war als hätte sie aus meiner Seele
gesprochen und ich konnte die Schwester in ihr erkennen. Die Schwester aus einem fernen
Land, doch ein Mensch wie ich selbst.
Und ich schaute aus meinem Fenster auf
die Robotergesichter und fragte mich, was sich hinter deren Fremdheit wohl verbirgt.
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Aysen Doymaz ©2000
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Revised: 10.05.2000
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